Sport : Youri Djorkaeff: Einsam am Betzenberg

Oliver Trust

Der Vollmond war schon fast am Himmel über der Pfalz, als sie in der Geschäftsstelle des 1. FC Kaiserslautern am Donnerstagabend ein Fax verschickten. "Youri Djorkaeff ist wieder da", stand da, als hätte das Jugendamt einen aus einem Heim für Schwererziehbare ausgerissenen Jungen wieder eingefangen, den alle vermisst haben. Den Fußballprofi Djorkaeff hat keiner vermisst - und Djorkaeff wohl auch nicht die Fürsorge der Pfälzer. Gestern kam eine weitere Pressemitteilung: "Youri Djorkaeff wird mit voller Überzeugung für und mit dem 1. FC Kaiserslautern spielen", heißt es da ohne weitere Begründungen. Das gute Ende eines wochenlangen Kleinkrieges sollte damit dokumentiert werden. Djorkaeff bleibt in Kaiserslautern und erfüllt seinen bis zum Saisonende laufenden Vertrag.

Ruhe wird in der Pfalz trotzdem nicht herrschen. Der Fall Djorkaeff offenbart den bedenklichen Zustand eines Fußballklubs, bei dem Vorstand, Trainer und Mannschaft schon drei Wochen vor Saisonbeginn ums Überleben kämpfen. Djorkaeff ist nach vielen Eskapaden bei den Kollegen so unbeliebt, dass auch er eigentlich keine Lust mehr hatte, weiter mit ihnen zu spielen. Für seine Mannschaftskameraden ist er ein Abzocker, der nicht kapiert, "dass Fußball ein Mannschaftssport ist". Das sagte Torwart Georg Koch nach Wochen der gegenseitigen Provokationen über Djorkaeff.

Am französischen Welt- und Europameister hat Jungtrainer Andreas Brehme als erstes seine Macht ausprobiert, ihn auf die Bank verbannt, während er Djorkaeffs Gegenspieler Mario Basler so lange in Ruhe ließ, wie er ihn als Gegenpol brauchte. Djorkaeff kostete seine Freiheiten bis zur Schmerzgrenze aus: Heimat- und Arztbesuche in Frankreich, reduziertes Trainingsprogramm.

All das ist Teil des schweren Erbes, das Otto Rehhagel ("Euer Trainer schenkt euch einen Weltmeister") hinterlassen hat. In der Pfalz, wo man auf den Weinfesten zusammen kommt und zusammen geht, kommen solche Starallüren nur an, wenn sich Erfolge einstellen. Für die konnte nicht einmal mehr ein Fußballspieler von der Klasse Djorkaeffs sorgen. Basler durfte sticheln ("Die Mannschaft hat gewonnen, nicht Djorkaeff") und machte sich Hoffnungen, als Elder Statesman die Führungsrolle im Team zu übernehmen. Das ging gut, bis Brehme, der jetzt selbst um seinen Job kämpfen musste, den Spielraum des gebürtigen Pfälzers Basler einschränkte und den Neuling Thomas Hengen zum Kapitän machte. Als müsse er die neue Distanz zum Trainer öffentlich dokumentieren, ließ Basler auf seiner Homepage beleidigt mitteilen, er habe von seiner Entmachtung aus der Presse erfahren. "Es ist natürlich schade, ich hätte dieses Amt gerne weiter ausgeführt."

Brehme aber sucht notgedrungen neue Verbündete. Er braucht neue Koalitionen. Von vielen alten Spielern wird er wegen seiner Redeschwäche oft müde belächelt, und sein ihm "gleichgestellter" Trainerkollege Reinhard Stumpf darf ihn ungestraft kritisieren. Viele Niederlagen kann sich Brehme nicht mehr leisten. Im Fall Djorkaeff hat er jetzt zumindest das Gesicht verloren. "Ich werde keine Entschuldigung akzeptieren", hatte Brehme trotzig gesagt. "Youri hat ja gesagt, nicht mehr unter mir spielen zu wollen. Ich hoffe, er zeigt Charakter und hält sich daran."

Doch der Klubführung um den Vorstandsvorsitzenden Jürgen Friedrich geht es nicht viel besser. Schon im Fall von Marco Reich hatten sich die Pfälzer peinliche Anfängerfehler geleistet. Erst hieß es, Reich erhalte auf keinen Fall die Freigabe. Am nächsten Tag war sein Transfer nach Köln perfekt. Djorkaeff musste nun 30 000 Mark Geldstrafe für seine Angriffe auf Brehme zahlen ("Mit ihm ist eine Zusammenarbeit unmöglich") und Klubchef Friedrich drohte mit Verbannung auf die Tribüne. Und nun soll auf einmal wieder alles in Ordnung sein?

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