Sport : Zabel spurtet zu früh

Der deutsche Radprofi wird hinter Paolo Bettini Zweiter bei der WM

Hartmut Scherzer[Salzburg]

Erik Zabel war so dicht dran. Das Regenbogentrikot schien zum Greifen nahe. Da flog aus seinem Windschatten Paolo Bettini heraus und auf den letzten 20 Metern noch an ihm vorbei. Der 32 Jahre alte Olympiasieger aus Italien riss die Arme hoch, Zabel, um eine knappe Radlänge geschlagen, sah völlig schockiert aus. Das wäre es gewesen: 40 Jahre nach Rudi Altig wieder ein Deutscher Straßenweltmeister, die Krönung seiner grandiosen Karriere. Es sollte nicht sein. Bei der Siegerehrung betrachtete Zabel lange die Silbermedaille. Die Situation kam ihm bekannt vor: 2004 in Verona war er von Oscar Freire, ebenfalls knapp im Sprint, geschlagen worden. 2002 in Zolder war Zabel Dritter. Dreimal auf dem Podium und nie ganz oben. Auf dem dritten Platz landete in Salzburg Alejandro Valverde (Spanien).

Erik Zabel verriet später, dass er als Weltmeister seine Karriere wahrscheinlich beendet hätte. Seiner Familie habe er das versprochen. Noch einmal Paris – Tours Anfang Oktober im Regenbogentrikot – und dann wäre Schluss gewesen. Nun fährt der populäre Profi noch zwei Jahre, um seinen Vertrag bei Milram zu erfüllen.

Zum spannenden Finale hatten sich in der Kurve vor der Zielgeraden in der Salzburger Innenstadt Samuel Sanchez als Anfahrer seines Kapitäns Alejandro Valverde, Zabel und Bettini abgesetzt. Als der Spanier auf den letzten 200 Metern seinem Chef Platz machte, spurtete Zabel schon los und an Valverde vorbei. „Es war vielleicht zu früh, aber hinterher ist man immer schlauer“, sagte der frustrierte Zabel. Er habe auf dem letzten Kilometer vielleicht zu viel Kraft verbraucht, um hinter die beiden Spanier zu kommen. Als er dran war, hat er sich zweimal umgeschaut und war erschrocken: „Oh, Bettini ist bei mir am Hinterrad.“ Da habe es für ihn geheißen: alles oder nichts. „Es ist schon brutal, wenn du 50 Meter vor dem Ziel noch vorne bist, die Ziellinie siehst und spürst: Da kommen nicht mehr viele, vielleicht kommt gar keiner. Dann kam Paolo.“

Später erklärte Zabel mit gezwungenem Lachen, die Freude überwiege die Bitterkeit. „Aber wenn man hier antritt, hat man natürlich schon den Traum, Weltmeister zu werden. Ich war im Finale ganz gut dabei. Ich war ruhig. Denn Oscar Freire war ja nicht da, von dem ich sicher war, dass er mich wieder auf den letzten Metern noch überholt hätte. Paolo hat es dann nicht ganz so knapp gemacht wie Oscar.“ Valverde wurde Dritter. Das Hauptfeld mit Titelverteidiger Tom Boonen (Achter) hatte zwei Sekunden Rückstand.

So spannend das Finale war, so eintönig verliefen die sechs Stunden zuvor. Zu den Episoden des Rennens über 265,9 Kilometer und 2796 Höhenmeter, verteilt auf zwölf Runden (22,156 km), gehörte die frühe Flucht einer Gruppe von 15 Fahrern, darunter der Erfurter Stephan Schreck. Fast eine Viertelstunde Vorsprung hatten die Ausreißer einmal herausgefahren. Das Unternehmen endete auf der neunten Runde, als eine große Verfolgertruppe aufschloss.

Nach der elften Runde begann das Rennen wirklich. Am letzten Berg stürmte Bettini allein davon. Das Solo endete auf der Abfahrt. Das große Feld war zusammen für den Massenspurt. Und Bettini war wieder vorn – diesmal endgültig.

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