Zahlen im Sport : Das Gewürz der Leichtathletik

Die Leichtathletik ist voll von Ergebnissen, Rekorden und Listen. Wie den 9,58 Sekunden von Usain Bolt. Ottavio Castellini, Chef-Statistiker beim Weltverband, erklärt hier, was die Zahlen können – und was nicht

Ottavio Castellini
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Ottavio Castellini erstellt seit 1996 Listen. Zu seinen liebsten zählt die vom Marathon. Foto: Friedhard TeuffelAFP

Ich verdiene mein Geld mit Zahlen. Beim Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF bin ich verantwortlich für Statistik und Dokumentation, drei Leute helfen mir noch dabei. Wir führen Listen, Listen, Listen. Ich bin jetzt 64 Jahre alt – für Zahlen in der Leichtathletik interessiere ich mich schon seit 51 Jahren. Natürlich auch für die 9,58 Sekunden von 100-Meter-Sprinter Usain Bolt. Am Anfang waren für mich die Zahlen heilig wie eine Religion. Heute sehe ich sie mit anderen Augen.

1958 habe ich meine ersten Zahlen gelesen. Mein Vater hatte zum Glück eine Zeitung abonniert. Da habe ich jeden Tag reingeschaut, vor allem in den Sportteil, denn zwei Jahre später sollten die Olympischen Spiele in Rom stattfinden, für mich als Italiener ein großes Ereignis. Ich habe angefangen, mich für olympische Geschichte zu interessieren, und weil ich selbst Leichtathletik gemacht habe, sind Zahlen für mich allmählich immer wichtiger geworden.

Wenn wir heute jeden Tag die Auswertung unserer Internetseite bekommen, gibt es fast immer dasselbe Ergebnis: Die meisten Leute klicken unsere Statistiken an, viel mehr als die Bereiche mit den Geschichten. Die Leute lieben eben immer noch die Statistiken. Im vergangenen Jahr haben wir in unsere Datenbank 58 000 Ergebnisse eingetragen und 5000 neue Athleten. 35 000 Rekorde sind bei uns gespeichert, nationale Rekorde, Erdteilrekorde, Meisterschaftsrekorde, Weltrekorde, insgesamt sind 78 000 Athleten erfasst.

Ein Rekord muss immer erst von unserem Verband anerkannt werden. Die Bedingungen müssen regelgerecht gewesen sein, der Wind zum Beispiel, die Strecke. Außerdem wird ein Rekord nur anerkannt, wenn die Athletin oder der Athlet eine Dopingprobe abgegeben hat.

Bevor ich 1996 bei der IAAF anfing, habe ich 15 Jahre als Journalist für die Tageszeitung „Giornale di Brescia“ gearbeitet. Ein guter Journalist nutzt die Statistik nur als Grundlage und langweilt seine Leser nicht damit. Ich glaube, dass die Zeitungsleser nicht so sehr an Statistiken interessiert sind. Es geht mehr um die menschlichen Aspekte der Leichtathletik. Eine interessante Zahl kann aber wie ein Gewürz in einem Zeitungsartikel sein.

Manche Listen kann man jedoch wie eine Geschichte lesen. Sie erzählen uns über die Entwicklung einer Disziplin. Oder die Nicht-Entwicklung. Da fällt mir zuerst Diskuswerfen der Frauen ein. Das ist heute ein Wettbewerb für ältere Frauen. Da gibt es kaum junge Athletinnen und auch keine Weiterentwicklung.

Manche Listen mag ich besonders. Marathon zum Beispiel. Oder Speerwerfen, weil ich es früher selbst mal betrieben habe. Oder Zehnkampf, das ist eine meiner Lieblingsdisziplinen. Da kann ich die Ergebnisse mit der Vergangenheit vergleichen, die Listen erzählen uns über die Stärken der Champions in den verschiedenen Epochen der Leichtathletik. Einige Champions durfte ich auch persönlich treffen.

Es ist richtig, dass die Leichtathletik eine exakte Sportart sein sollte, mit genau gemessenen Zeiten, Weiten und Höhen. Aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass sie das nicht immer ist. Ein Beispiel. Gerade für kleinere Länder ist es unheimlich wichtig, Athleten zu den Olympischen Spielen zu schicken. Dafür müssen sie natürlich Qualifikationsnormen erfüllen. Manchmal nehmen es die Kampfrichter in ihrem Land nicht so genau. Oder sie sind gar keine Kampfrichter. Wir müssen uns die Daten daher mit offenen Augen anschauen. Manchmal müssen wir auch recherchieren, wenn uns sehr überraschende Leistungen erreichen und herausfinden, ob jemand betrogen hat. Doch der überwiegende Teil der Verbände verhält sich korrekt, wir können ihnen vertrauen.

Natürlich hat sich auch die Bedeutung von Weltrekorden verändert. In den Siebzigerjahren hatten wir eine Menge Weltrekorde. Damals gab es auch noch nicht so viele Dopingkontrollen. Dann gab es die Olympischen Spiele 1988 in Seoul mit dem Dopingfall Ben Johnson. Seitdem tut das Internationale Olympische Komitee mehr gegen Doping. Es ist heute nicht mehr so leicht, einen Weltrekord aufzustellen.

Vor der Jahrtausendwende gab es daher die Diskussion, alle alten Weltrekorde zu löschen und am 1. Januar 2000 mit einer neuen Liste zu beginnen. Aber wir haben immer noch dieselbe Liste. Was ich persönlich davon halte? Ich finde, wir können nicht die Geschichte unseres Verbands löschen. Alle Rekorde zu streichen, wäre wie ein Eingeständnis, dass damals alle gedopt haben. Auf der anderen Seite könnte es gerade für junge Athleten eine Herausforderung sein, wenn die alten Rekorde gelöscht würden. Denn bei den Frauen über 400 Meter etwa und im Diskuswerfen der Männer sind die Athleten heute weit von den Bestmarken entfernt.

Manchmal fragen mich auch Leute aus unserem Anti-Doping-Büro nach der Statistik eines Athleten, wie er sich entwickelt hat. Wenn einer im Speerwerfen im vergangenen Jahr 60 Meter geworfen hat und jetzt 80 wirft, dürfte etwas nicht stimmen. Zahlen können einen Hinweis geben, beweisen können sie nichts.

Mit Zahlen können wir junge Menschen heute nicht mehr für die Leichtathletik begeistern, da bin ich mir sicher, sondern nur durch menschliche Geschichten und mit Champions. Ob der Diskus über 70 Meter fliegt, ist gar nicht so wichtig. Der Wettkampf muss spannend sein, es muss viele Platzierungswechsel innerhalb eines Wettbewerbs geben.

Aufgezeichnet von Friedhard Teuffel.

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