Sport : Zahnloser Löwe

Wie wird das Machtvakuum bei 1860 München gefüllt?

Thomas Becker

München. Der Tag danach in Untergiesing. Das am Dienstag noch verschlossene Tor zum Vereinsgelände an der Grünwalder Straße ist offen, die Geschäftsstelle wieder zugänglich, und der Dienstwagen des Trainers steht auch wieder auf dem angestammten Platz. Vor dem Löwenstüberl, der Vereinsgaststätte, erzählt Wirtin Christl zum 47. Mal vom denkwürdigen Polizeibesuch an diesem schlimmen Dienstag und von den betrunkenen Anti-Wildmosern, die sie nachmittags mit 50 Euro weiterschickte: „,Besauft’s euch woanders’, hab ich gesagt. Stellen Sie sich vor: ,So ein Tag so wunderschön wie heute’ haben die gesungen.“ Sie spricht von Wildmoser als dem „Löwen-Vater, der immer ein offenes Ohr hatte“, und empfiehlt: „Jetzt warten wir mal ab.“

So lautet das Gebot der Stunde, zu vernehmen auch von Sportdirektor Dirk Dufner. Von der verbliebenen Führungsetage ist bislang wenig zu vernehmen – wie schon all die Jahre zuvor. Zwar versicherter Dufner, dass die Handlungsfähigkeit des Vereins gewährleistet sei, doch wie es weitergehen soll, ist unklar. Kommende Woche findet eine Aufsichtsratssitzung statt. „Wir warten das Ermittlungsverfahren ab, deswegen kann man keineswegs sagen, dass die Ära Wildmoser vorbei ist“, sagt Dufner. Wildmosers Angebot, sein Präsidentenamt ruhen zu lassen, soll der Verein laut Wildmosers Anwalt abgelehnt haben.

Oberbürgermeister Christian Ude, Mitglied des 1860-Aufsichtsrats, hatte da schon Bayerns ehemaligen Kultusminister als Nachfolger vorgeschlagen: „Ich kenne Hans Zehetmair als sehr engagierten Löwen mit großer Sachkenntnis. Wir werden ihn drängen, im Verein mehr Verantwortung zu übernehmen.“ Der CSU-Politiker ist offensichtlich bereit, das Amt zu übernehmen. Theo Waigel hingegen hat abgewinkt.

Das Problem, das bei 1860 nun offenbar wird, ist die jahrelange Omnipotenz ihres Präsidenten, die erst in letzter Zeit durch die Einführung des potenziellen Thronfolgers aus der eigenen Familie gemäßigt wurde. Nichts und niemanden hatte der Patriarch zuvor neben sich geduldet. Vergeblich sucht man auf der Internetseite des Klubs eine Übersicht über das Vereinspräsidium. Zwar gibt es eine Auflistung aller 27 Vereinspräsidenten seit Ludwig Schnittler (1860-61), aber die Namen der aktuellen Vizepräsidenten Kurt Sieber und J. Paul Wonhas sind nirgendwo zu finden. Die beiden waren in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit in etwa so präsent wie früher Trainer Werner Lorant beim Nachwuchs des TSV 1860. Nun führen sie offiziell die Geschäfte des Vereins.

In einer Stellungnahme wird auf der Homepage erklärt, dass auch die Geschäftsführung der mit den Profis befassten GmbH & Co. KGaA arbeitsfähig sei. Sie steht jedoch vor einer kniffligen Aufgabe. Wildmoser senior wurde zwar gestern von einem Mittäter und seinem Sohn entlastet, der Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld aber sagte, „von einer Entlastung des Seniors kann keine Rede sein“. Niemand bei 1860 wird sich nachsagen lassen wollen, er habe den Präsidenten aus dem Amt gejagt. Trotzdem ist ein Präsident Wildmoser kaum mehr denkbar. Die Entscheidung über die Zukunft des Klubs wird nicht nur in Unter-, sondern auch in Obergiesing fallen: Dort liegt die Vollzugsanstalt Stadelheim, Wildmosers neue Adresse.

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