Sport : Zahnpasta unter der Türklinke

Früher flog er wegen Prügeleien aus seinen Klubs – jetzt führt sich Franck Ribéry beim FC Bayern mit kindischen Späßen ein

Michael Neudecker[Donaueschingen]

Man stellt sich das lustig vor: Wie Lukas Podolski sein Hotelzimmer betreten will, wie er gedankenlos mit der Hand an die Türklinke fasst, fest zupackt, und plötzlich flucht, laut, ziemlich laut. Und wie er dann zum Waschbecken geht und, immer noch fluchend, sich die Zahnpasta von der Hand schrubbt, die gerade noch an der Türklinke geklebt hatte.

Lukas Podolski ist einer derjenigen, die im Trainingslager von Bayern München in Donaueschingen zu den Opfern von Franck Ribéry zählen. Zahnpasta an den Türklinken, das ist nur einer der kindischen Späße, mit denen sich der 25 Millionen Euro teure Zugang aus Frankreich gerade einen Namen beim FC Bayern macht. Man sei erstaunt, wie Ribéry bei seinem neuen Arbeitgeber auftrete. Das sagen sie beim Klub, das sagen die neuen Mitspieler Ribérys, und das sagen auch die Journalisten, die Ribéry aus Frankreich kennen. „Das ist ein verrückter Vogel“, findet zum Beispiel Miroslav Klose, „da könnt’ ich Ihnen Geschichten erzählen, ehrlich.“ Muss er aber gar nicht, weil Ribéry das gleich selbst macht: „Ich schütte manchem Salz ins Glas, damit es scheußlich schmeckt“, berichtet er, „oder ich verstecke die Schuhe, solche Sachen.“

Franck Ribéry, 24 Jahre alt, der oft grimmig dreinschauende Mann mit der großen Narbe im Gesicht und der Soldatenfrisur, der Mann, von dem Uli Hoeneß nach dem ersten Treffen sagte: „Der redet aber wenig“, ist also in Wahrheit: ein Witzbold. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da war er noch Franck Ribéry, der Raufbold.

Er stammt aus Boulogne-sur-Mer, 45 000 Einwohner, 60 Prozent Arbeitslosigkeit, mit zwei Jahren kracht er bei einem Autounfall gegen die Windschutzscheibe, woran ihn für immer die große Narbe in seiner rechten Gesichtshälfte erinnern wird. Er geht keiner Rauferei aus dem Weg, weil er jedoch Fußball spielt wie kaum ein anderer, nimmt ihn der OSC Lille in sein Jugendinternat auf – und wirft ihn, das Problemkind, mit 16 wieder raus. 2001 spielt er für Olympique Alès in der dritten Liga, doch der Klub geht pleite, und Ribéry muss seine Wohnung räumen, weil er die Miete nicht mehr bezahlen kann. 2003 tritt er einen Job als Bauarbeiter an, und dann, ein Jahr später, nimmt ihn der Erstligist FC Metz unter Vertrag. 2005 fliegt er dort aus dem Kader, weil er in einer Diskothek in eine Prügelei verwickelt wird.

Irgendjemand hat vor kurzem geschrieben: Er packte die Wut, die im Schatten der Hochhäuser gedeiht, in sein Spiel. Es ist ein schöner Satz, der gut beschreibt, wie Ribéry ist, wenn der Schiedsrichter anpfeift. Dann läuft er los, sofort, nein: er rennt, als gäbe es kein Morgen, er dribbelt und schießt, wann immer er kann, und wenn er den Ball einmal verliert, dann rennt er einfach weiter, so lange, bis er ihn wieder hat. „Ich will keine Zeit verlieren“, sagt er.

Er sagt auch: „Gute Laune ist wichtig für mich“ – es hat nur niemand gemerkt bisher. Ribéry glaubt, das liege daran, dass er nun noch mehr versuche, sich mit lustigen Sachen in die Mannschaft einzuführen als bisher, weil er nur französisch spricht und sich mit den meisten Kollegen nicht unterhalten kann. Der Spaß ist sein Kommunikationsmittel.

Es ist natürlich viel zu früh, zu behaupten, Franck Ribéry, der Raufbold, könnte beim FC Bayern zu einem anderen Menschen werden. Aber er scheint auf dem Weg dahin zu sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar