Sport : Zauber der Kür

Chinas Paarläufer sorgen in ihrer Heimat für Begeisterung

Frank Bachner

Dortmund. Tatjana Totmianina trägt einen Pullover mit Reißverschluss und breitem Kragen. Jetzt zieht sie den Kragen hoch bis zu den Ohren, und weil sie zugleich den Kopf einzieht, sieht es so aus, als wollte sie sich verstecken. Denn diese Fragen taten weh. „Was sagen Sie dazu, dass die Chinesen Xue Shen und Hongbo Zhao nur WM-Zweite geworden sind, obwohl sie in ihrer Kür sensationell zwölfmal die 6,0 bekommen hatten?“, fragte ein Journalist. Und: „Was sagen Sie dazu, dass Sie und Ihr russischer Partner Maxim Marinin Paarlauf-Weltmeister wurden, obwohl Sie doch nur eine 6,0 erhielten?“

Weil die Chinesen beim Kurzprogramm gepatzt hatten und diesen Rückstand nicht mehr aufholen konnten, hätte Totmianina jetzt im Presseraum der Dortmunder Westfalenhalle empört reagieren können. Aber das hätte etwas von Stillosigkeit gehabt. So ein profaner Hinweis hätte dem Zauber der Kür von Shen/Zaho seine Wirkung genommen. Also sagte die Russin gar nichts. Das war klug. Denn es gab Experten bei der Eiskunstlauf-WM in Dortmund, die erklärten, so eine grandiose, ausdrucksstarke Paarlauf-Kür hätte es noch nie gegeben. Auf jeden Fall ist ihr Trainer Bin Yao derzeit der erfolgreichste Paarlauf-Trainer der Welt. Sein Duo Qing Pang/Jian Tong gewann zudem Bronze.

In China lief die Kür live im Fernsehen. Das chinesische Fernsehen hat 2003 auch die Rechte an der ganzen Grand-Prix-Serie des Eiskunstlaufs gekauft, Eiskunstlaufen ist seitdem fester Bestandteil im chinesischen Fernsehen. In der Saison 2003/2004 findet das Grand-Prix-Finale sogar in China statt. Und Shen/Zhao gehören zu den Sportstars in China. Bei der Wahl zu Chinas Sportler des Jahres 2003 landete das Paar unter den ersten zehn. Das hat nicht bloß mit Leistung zu tun. „Paarlaufen trifft auch den romantischen Touch der Chinesen“, sagt die Journalistin Tatjana Flade, eine Kennerin der chinesischen Eiskunstlauf-Szene.

Von einer Eiskunstlauf-Weltmacht China will Yin noch nicht reden. Das wäre auch übertrieben, trotz der Weltklasse-Paare. Bei den Männern war Chenjian Li 2003 WM-Vierter, bei den Frauen fehlt eine Weltklasse-Athletin. Alles ist allerdings wohl nur eine Frage der Zeit. „Wir haben im Moment neun Spitzenpaare, neun hoffnungsvolle Eistanzpaare und rund 100 Einzelläufer", sagt Yin. Aber nur etwa zehn Eishallen in China.

Doch inzwischen pumpt das chinesische Sportministerium einiges Geld ins Eiskunstlaufen. In den beiden Eiskunstlauf-Zentren Peking und Harbin, einer Drei-Millionen-Stadt, sind die Talente in Sportinternaten zusammengefasst. Die Lehrer klappern die Grundschulen der Region nach Talenten ab. Die meisten chinesischen Stars freilich trainieren in Peking. Dort leben sie in einem Sportkomplex ein paar Meter neben der Halle.

Yin kennt auch noch die anderen, die tristeren Zeiten in China. Vor ein paar Jahren musste der nationale Eislauf-Verband noch viel Geld an den nationalen TV-Sender CCTV überweisen. Nur dadurch war CCTV bereit, die Titelkämpfe zu übertragen.

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