Sport : Zaubertrank und Lügendetektor Alba brüllt Bamberg nieder

Dopingprozess: Radprofi Contador verteidigt sich In einem gewollt emotionalen Spiel besiegen die Berliner den Basketball-Meister 87:81

Tom Mustroph
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Berlin - Endlich ist es so weit. Am internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne wird heute das Verfahren gegen Alberto Contador und den spanischen Radsportverband RFEC eröffnet. Drei Cas-Richter, darunter der Deutsche Ulrich Haas, sollen in der auf vier Tage angesetzten Verhandlung klären, ob der dreimalige Tour-de-France-Sieger Contador gedopt hat. Damit neigt sich eine 16-monatige Wartezeit – seit der ersten positiven Probe des Spaniers im Juli 2010 – dem Ende zu. Ein Urteil ist „nicht vor Weihnachten“ zu erwarten, sagt ein Cas-Sprecher. Das Urteil der höchsten Sportinstanz ist endgültig.

Weil mit Contador der weltbeste Rundfahrer auf der Anklagebank Platz nimmt, kommt dem Votum der drei Richter enorme Bedeutung zu. Wird er schuldig gesprochen, dürfte dies neue Imageverluste bedeuten für den Profiradsport, aber auch für den spanischen Sport insgesamt. Und wird Contador mit einer überzeugenden Begründung freigesprochen, stehen die Antidopingfahnder der Welt-Anti-Dopingagentur (Wada) und des Radsport-Weltverbands UCI wie Stümper da.

Weil so viel auf dem Spiel steht, kochen die Emotionen hoch, nehmen die Strategien abenteuerliche Züge an. Den größten Aufreger steuerte der frühere französische Tennisprofi Yannick Noah bei. In der Tageszeitung „Le Monde“ gestattete er sich einen Vergleich mit dem gallischen Comichelden Asterix bei den Olympischen Spielen. „Wenn man keinen Zaubertrank hat, ist es schwer zu gewinnen“, meinte Noah. Den spanischen Sporthelden, die derzeit im Fußball, Tennis und Radsport dominieren, schrieb er zu: „Man hat den Eindruck, dass sie wie Obelix in den Zaubertrank gefallen sind.“ Aus Spanien kam umgehend Protest. Noah wurde als „Ignorant“, der „die Basis des spanischen Sportbooms nicht versteht“, diffamiert. Die spanische Sportzeitung „Marca“ zitierte Quellen aus dem obersten Sportrat des Landes: „In Spanien wird nicht mehr und nicht weniger gedopt als in anderen Ländern auch.“

Contador möchte der Welt weismachen, dass er weniger gedopt hat als andere: nämlich gar nicht. Zu diesem Zweck gehört seinem Verteidigungsteam auch ein Lügendetektorexperte aus den USA an. Louis Rovner, der seine Praxis im Herzen der Filmindustrie von Hollywood betreibt, könnte die letzte Waffe sein, wenn es den anderen Experten nicht gelingt, Contadors Clenbuterolwerte hinwegzuzaubern und das Vorkommen von Weichmachern für Plastik in seinem Blut als nicht dopingrelevant hinzustellen. Polygrafexperte Rovner gibt auf seiner Homepage eine Genauigkeitsrate von 96 Prozent an. In der wissenschaftlichen Literatur wird er aber zitiert, dass die Genauigkeit auf 62 Prozent sinken kann, wenn der Proband in die Methodik eingeführt ist. Große Glaubwürdigkeit hat der vorgeschlagene Lügendetektortest nicht. Das Verfahren droht ins Absurde zu kippen.

Am Ende wollte ihm jeder um den Hals fallen, die Hand reichen, ein Autogramm ergattern. Als die bisher national ungeschlagenen Baskets aus Bamberg 87:81 (41:48) besiegt waren, konnte sich Heiko Schaffartzik vor Gratulanten kaum retten. Der Basketballer von Alba Berlin hatte es sich verdient, denn er hatte viel gewagt. Vor dem Bundesliga-Spitzenspiel wurde den 14 500 Zuschauern in der ausverkauften Arena auf dem Videowürfel „ein kleines, aber feines Filmchen gezeigt“, wie es der Hallensprecher nannte, in dem Schaffartzik bekundete, die Bamberger schlagen zu wollen, weil „ich sie einfach … nicht … mag“. Er erntete tosenden Jubel von den Alba-Fans und Pfiffe von den mitgereisten Franken. Es hätte nach hinten losgehen können, doch er hatte es nicht anders gewollt. Alba hatte ihm vorgegebene Sätze angeboten wie „Wenn wir alle zusammenhalten, können wir sie schlagen“, doch die waren 27-Jährigen zu unterwürfig. Also hatte er improvisiert. „Es hat die Fans gepusht, also einen positiven Effekt gehabt“, stellte Schaffartzik strahlend fest.

In der Tat war es in den 40 Minuten zuvor so laut gewesen wie in der Schlussphasen manch anderer Spiele nicht. Dazu passte der Kampfgeist der Berliner, die im dritten Viertel schon mit zwölf Punkten hinten lagen, um im Schlussviertel noch alles herumzureißen. „Wir lagen dreißig Minuten am Boden und haben nie aufgegeben“, lobte Trainer Gordon Herbert mit heiser geschriener Stimme.

Schon vor dem Schaffartzik-Trailer war das Spiel feindselig aufgeladen. Während die Bamberger Anhänger ein Banner mit der Aufschrift „Heiko... wer?“ hochhielten, antworteten die Berliner mit geistreichen Transparenten wie: „In Berlin fährt man S-Bahn statt Traktor.“ Einzig Bambergs Julius Jenkins wurde freundlich empfangen. Mit elf Punkten war der ehemalige Berliner Publikumsliebling bester Werfer der ersten Hälfte (um dann wie in Berliner Zeiten abzutauchen).

Die Berliner waren ab der dritten Minute einem Rückstand hinterhergelaufen und nicht nur dem. „Wir waren wie Hunde, die vergeblich einem Hasen hinterherhetzten“, analysierte Herbert. „Mit sieben Punkten Rückstand zur Pause waren wir noch gut bedient.“ Die Bamberger rissen ihre schnellen Passpassagen routiniert herunter, die Berliner ließen sich zu tief fallen, fingen sich Dreipunktewürfe und Alley-oop-Dunkings.

Doch dann geschahen zwei Dinge: Der Bamberger Predrag Suput kassierte nach einem Offensivfoul wegen Meckerns auch noch ein Technisches Foul, sein fünftes. „Danach haben wir verdammt nochmal die Disziplin verloren“, schimpfte Baskets-Trainer Chris Fleming später. Und die Berliner wachten auf. „Der Coach sagte uns: Entweder ihr tippt die Zehen ins Wasser oder ihr springt hinein“, berichtete Derrick Allen, mit 20 Punkten am Ende bester Werfer.

Die Berliner verteidigten im Schlussviertel leidenschaftlicher, mit einer Zonenverteidigung verwirrten sie zudem die Bamberger. Als Allen zum 81:75 traf, hielt er eine Hand ans Ohr, das Publikum verstand die Aufforderung, verbrachte die letzten Minuten klatschend im Stehen, eine Laola-Welle rollte durch die Halle. Als der Sieg dann perfekt war, scherzte Schaffartzik ungesehen in den Kabinengängen mit seinem früheren Mitspieler Anton Gavel – also doch noch ein Bamberger, den er mag.

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