Sport : Zehn Monate in der Hölle

Jörg Allmeroth

Nach der Trennung von ihrem Wunderheiler meldet sich die Schweizerin als grosse Überraschung von Melbourne zurück.Jörg Allmeroth

Die Frage nach dem persönlichen Tiefpunkt des vergangenen Jahres parierte Patty Schnyder im Melbourne Park mit ungewohnter Schlagfertigkeit: "Mein Tiefpunkt hat genau zehn Monate gedauert." Diese Zeit sei der reinste Horror gewesen, sagte die Schweizerin, die bei den Australian Open Vorjahresfinalistin Amelie Mauresmo (Frankreich) mit einem 6:4, 6:4-Triumph aus allen Titelträumen stürzte und für die bisher größte Überraschung im Damenwettbewerb sorgte.

Zwölf Monate nach dem Beginn der skandalträchtigen Affäre um ihre Beziehung zu dem ominösen Guru und Wunderheiler Rainer Harnecker scheint die Schweizerin drauf und dran, einen echten Neuanfang in ihrer Karriere einzuleiten. "Ich hoffe, wir können jetzt endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen", erklärte Schnyders Trainer Vito Gugolz, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Weltklassespielerin aus den bunten Zeitungsspalten verschwunden ist und sich endlich wieder auf Tennis konzentrieren kann.

Der Sieg in der Rod-Laver-Arena entbehrte nicht einer symbolträchtigen Pointe: Denn ausgerechnet Amelie Mauresmo hatte auf den Tag genau vor einem Jahr in Turnierrunde zwei des australischen Grand-Slam-Spektakels als krasse Außenseiterin die damalige Weltranglisten-Achte Patty Schnyder bezwungen und eine lange, quälende Krise eingeleitet. Die schroffe Abnabelung vom Elternhaus, der Bruch mit alten Freunden, die Flucht sogar vor Polizeibehörden, der Krach und die Trennung von Sponsoren, Sektengerüchte, die Startverweigerung für die Schweiz im Fed Cup und finanzielle Einbußen im Millionenhöhe - alles das wurde ausgelöst durch die verhängnisvolle Liasion mit dem zwielichtigen Guru Harnecker. Gleichzeitig sanken ihre sportlichen Aktien ins Bodenlose. Tennis, sagt die 19-Jährige heute, war nur noch ein Randthema.

Der Fall aus den lichten Höhen der sportlichen Popularität, die noch höhere Einschaltquoten als die Weltranglistenerste Martina Hingis verbuchte, ins Halbweltmilieu wurde nicht nur in der Schweiz mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid betrachtet. "Ich kann mich nicht erinnern, dass es im Tennis jemals eine solche Story gegeben hat", sagt der Kommunikationschef der WTA-Tour, der Amerikaner Jim Fuhse. Selbst die Spielerinnengewerkschaft musste damals dem Treiben Harnackers machtlos zusehen. "Er hatte die völlige Gewalt über Patty Schnyder", sagt ein mit dem Fall vertrauter Schweizer Psychologe.

Seit dem Ende der unglücklichen Beziehung im letzten Sommer versucht Schnyder, 1998 zur Newcomerin des Jahres von der WTA gewählt, ihr aus dem Gleichgewicht geratenes Leben wieder zu ordnen - und an die großartigen Ergebnisse der vorletzten Saison anzuknüpfen. "Hundertprozentig habe ich das alles noch nicht überwunden, sagt die Linkshänderin. Sie selbst beschwört allerdings auch neue Probleme freizügig herauf. So sehen beispielsweise Vater Willy und Mutter Iris Schnyder mit gemischten Gefühlen auf den neuen Partner ihrer Tochter, den 35-jährigen Rainer Hofmann, einen verheirateten Familienvater mit zwei Kindern. Hofmann, von Berufs wegen Detektiv, war ursprünglich engagiert worden, um den Tennisstar nach dem Ende des Harnacker-Dramas vor möglichen Übergriffen des Fitness-Gurus zu beschützen. Doch aus dem Beschützer wurde rasch der Geliebte von Patty Schnyder. Doch trotz aller Verwicklungen arbeitet sie präzise an einem sportlichen Comeback. Der glatte Zwei-Satz-Sieg gegen Amelie Mauresmo war das bisher größte Achtungszeichen, mit dem sie sich wieder ins Gespräch gebracht hat.

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