Zehnkampf bei Olympia : Die Könige der Schmerzen

Zehnkämpfer müssen im Training und Wettkampf einiges aushalten. Drei Deutsche starten in der olympischen Entscheidung – mit unterschiedlichen Chancen.

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„Weltwunder“. Das ist Arthur Abele für den früheren Zehnkämpfer Frank Busemann. Weil er sich nach so vielen Verletzungen trotzdem wieder zurückgekämpft habe und nun nach einer Medaille greifen könne.
„Weltwunder“. Das ist Arthur Abele für den früheren Zehnkämpfer Frank Busemann. Weil er sich nach so vielen Verletzungen trotzdem...Foto: Imago/Beautiful Sports

In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele lief es bei Kai Kazmirek fast perfekt. „Ich hatte diesmal ziemlich Glück“, sagt der deutsche Zehnkämpfer und strahlt. Bis auf den Handbruch im Winter natürlich, den er erst auf Nachfrage erwähnt. „Beim Stabhochsprung ist mir der Stab in der Biegung gegen die Hand geknallt, zehn Meter weit geflogen und fast auf einem Kampfrichter gelandet“, erzählt Kazmirek. „Sah spektakulär aus und tat sehr weh. Ich wusste gleich, dass was kaputt ist.“ Wirklich der Rede wert scheint dem 25-Jährigen die Verletzung aber nicht. Sie sei schließlich gut ausgeheilt und bis auf eine kleine Narbe verschwunden. Kai Kazmirek ist nun einmal Zehnkämpfer. Schmerzen ist er gewohnt.

Am Mittwoch beginnt der olympische Wettstreit der Könige der Leichtathleten. Zwei Tage lang quälen sich die Zehnkämpfer durch ihren Wettkampf, erleben Rückschläge und Glücksgefühle. „Zehnkampf ist eine Leidenschaft“, sagt Kazmirek. „Da muss man für leben.“ Auch drei Deutsche gehen in Rio an den Start – mit sehr unterschiedlichen Vorzeichen.

Für einen Zehnkämpfer hatte Kazmirek zuletzt nur mit wenigen Verletzungen zu kämpfen. Und wenn er doch einmal Probleme mit der Achillessehne hatte, trainierte er eben weiter. „Da wird dann Tape drumgemacht und fertig“, sagt der WM-Sechste von 2015 lapidar. Drei Wochen Pause, um eine Verletzung auszukurieren, können sich Zehnkämpfer nicht leisten, „da würden wir zu viel Zeit verlieren“. Die zehn Disziplinen – 100 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und 400 Meter am ersten Tag sowie 110 Meter Hürden, Diskuswurf, Stabhochsprung, Speerwurf und 1500 Meter am zweiten Tag – erfordern viel Training. Wer die Technik vernachlässigt, ist im Wettkampf ebenso verloren wie der, der zu wenig Zeit im Kraftraum und auf der Laufbahn verbracht hat. „Der Trainer ist eher da, um einen zu bremsen. Wir nehmen auch oft eine Schmerztablette, um weitertrainieren zu können, das sage ich ganz ehrlich.“

Auch die anderen beiden deutschen Zehnkämpfer kennen sich mit Schmerzen bestens aus. In Arthur Abeles Krankenakte stehen Probleme mit der Hüfte, dem Knie und dem Fuß, ein Nabel- und Leistenbruch, Bänderrisse, Ermüdungsbrüche, eine Schambeinentzündung und sozusagen als Krönung ein Achillessehnenriss im April 2015. Immer wieder kämpfte sich der 30-Jährige zurück – und geht in Rio sogar als Zweiter der Weltjahresbestenliste an den Start. Frank Busemann, der 1996 in Atlanta mit Silber die bislang letzte olympische Zehnkampfmedaille für Deutschland holte, bezeichnete Abele in der Münchner „Abendzeitung“ gerade als „Weltwunder“. Es sei bewundernswert, wie er sich zurückgekämpft habe und nun sogar nach einer Medaille greife. Wenn sich Abele nicht in irgendeiner Disziplin „das Bein abreißt, dann holt der was“, sagte Busemann.

Für Gold wird es für die Deutschen wohl nicht reichen – der Olympiasieg scheint an Ashton Eaton vergeben

Während Abele und Kazmirek optimistisch in den Wettkampf gehen, sieht die Gemütslage bei Rico Freimuth anders aus. 2015 in Peking wurde der 28-Jährige WM-Dritter, danach konnte er aber kaum noch beschwerdefrei trainieren. „Muskelfaserrisse, Muskelverhärtungen, Zerrungen“, zählt Freimuth auf. „Irgendwann kommt das Körperliche in die Psyche rein.“ Sein Selbstwertgefühl habe sehr gelitten, bei Olympia gehe es für ihn nur noch um einen versöhnlichen Saisonabschluss. „Es gibt keine Ambitionen mehr auf irgendwas. Ich muss meine Ziele neu anpassen“, sagt der Hallenser. „Ich hätte mich auf Rio gefreut, wenn ich in Bombenform gewesen wäre. Bin ich aber nicht.“ Natürlich kann es passieren, dass er trotzdem gut startet und nach den ersten Disziplinen in guter Position liegt. „Ich rede mir aber nicht ein, dass es zehn Mal gut geht“, sagt Freimuth. „Irgendwann kommt dein Körper gnadenlos zurück und gibt dir die Signale, dass du zu wenig trainiert hast.“ Freimuth stand sogar kurz davor, seinen Start in Rio abzusagen. Er zog sich zurück und verbrachte eine Woche bei seinem besten Freund Michael Schrader, der ihn wieder aufbaute. Schrader ist ebenfalls Zehnkämpfer. In Rio ist der WM-Zweite von 2013 nicht dabei, weil er sich im Januar beim Stabhochsprung eine schlimme Knieverletzung zuzog, bei der neben seinem Kreuzband auch fast alles andere kaputtging.

Egal, wie es im Wettkampf läuft und wie weh es tut – die deutschen Zehnkämpfer werden sich in Rio unterstützen und gegenseitig aufbauen, auch das gehört zu ihrem Selbstverständnis. „Es hat schon vor vielen Jahren angefangen, dass wir zusammen trainieren und zusammen die Lehrgänge machen. Wir trösten und motivieren uns, bauen uns auf, auch bei privaten Problemen“, sagt Kazmirek. „Es ist immer ein Geben und Nehmen.“

Für Gold wird es für die Deutschen wohl nicht reichen – der Olympiasieg scheint an Ashton Eaton vergeben. Der US-Amerikaner, Olympiasieger und Weltrekordler, ist zurzeit konkurrenzlos. „Ashton ist das größte Talent aller Zeiten“, sagt Freimuth. „Bewegungsmäßig ist es unfassbar, wie krass der ist.“ Eaton ist trotz seiner Überlegenheit bei der Konkurrenz beliebt. Die Deutschen blicken eher mit Bewunderung als mit Argwohn auf die überragenden Leistungen des 28-Jährigen aus Oregon. Ob Eatons Rekorde womöglich mithilfe von Doping zustande kämen, wurde Freimuth kürzlich gefragt. „Ich hoffe es nicht“, sagte Freimuth. „Ich hoffe es echt nicht.“

Genauso wichtig wie ein gutes Ergebnis ist es für die Zehnkämpfer, überhaupt durchzukommen. Bei zehn Disziplinen ist nichts sicher, alles kann passieren, im Guten wie im Schlechten. Neben der körperlichen Verfassung kommt es auch auf die mentale Stärke an.

„Wenn man mit sich selbst zufrieden ist, ist das der allerbeste Weg“, sagt Kai Kazmirek. „Versauen kann man‘s immer“, sagt Rico Freimuth.

Wie es auch läuft – Kazmirek, Abele und Freimuth wollen sich gegenseitig helfen

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