Zehnkampf : Der Triumph der Schlakse

Die Zeit der Muskelprotze scheint vorbei. Bei der WM-Qualifikation setzen sich auffällig schlanke Zehnkämpfer durch.

Susanne Rohlfing

RatingenMit ihm hat niemand gerechnet. Doch dann stürmt Arthur Abele zum Abschluss des Mehrkampf-Meetings in Ratingen in einem fulminanten Alleingang über die Bahn. Der 20-jährige Zehnkämpfer aus Ulm bewältigt die 1500 Meter in 4:18,00 Minuten und lässt damit auch in der Gesamtwertung alle Konkurrenten hinter sich. 8269 Punkte stehen schließlich für ihn auf der Anzeigetafel, 257 Punkte über seiner Bestleistung, ein furioses Ergebnis für ihn. Das bedeutet: Abele wird neben dem Zweitplatzierten Norman Müller (Halle/8244) und dem in Ratingen verletzt fehlenden Berliner Hallen-Weltmeister André Niklaus, der vor drei Wochen in Götzis 8340 Punkte vorgelegt hatte, zur Leichtathletik-WM Ende August nach Osaka reisen. Dritter wurde in Ratingen Jacob Minah (Göttingen/7998), der EM-Fünfte Pascal Behrenbruch (Frankfurt) zeigte Nerven und konnte sich mit 7740 Punkten und Rang fünf seine Hoffnungen auf einen WM-Start nicht erfüllen.

Mit seinem Triumph wollte Abele sich aber nicht lange aufhalten. Statt die sieben Bestleistungen in den Vordergrund zu stellen, allen voran die 2,04 Meter im Hochsprung, verwies er auf seine Schwächen: Mit dem Diskus (37,95 Meter/Platz zehn) und der Kugel (14,44 Meter/Platz vier) habe er noch Potenzial. Gefeiert werde jetzt gesittet, ganz ohne Alkohol. „Das habe ich mir geschworen. Schließlich will ich bei der WM meine Leistung bestätigen oder sogar verbessern“. Der 20-Jährige war vor zwei Jahren bereits Zweiter der U-20-EM. In Götzis konnte er vor drei Wochen nur deshalb nicht auf sich aufmerksam machen, weil er wegen einer Blutvergiftung aufgeben musste.

Die junge Garde, die sich da hinter André Niklaus in Stellung bringt, begeistert auch Willi Holdorf, 1964 erster deutscher Zehnkampf-Olympiasieger. Mit kritischem Blick beobachtete er in Ratingen das ungewohnt heftige Gerangel um die WM-Startplätze. Auch hier wabert das Thema Doping durch die Reihen. Aber Holdorf sagt: „Gucken Sie sich die doch mal an, die haben keine Muskelpräparate genommen.“ Der 67-Jährige zeigt auf Abele, Müller und Minah, schmale, hoch aufgeschossene Athleten. Mit 1,84 Metern Körpergröße ist Abele der Kleinste unter den Newcomern, die sich zwar nicht auf international hochklassigem, aber doch auf national beachtlichem Niveau präsentierten. „Bei der WM 2009 in Berlin können wir sicher ein paar gute Leute aufbieten“, sagt Holdorf.

Und noch etwas lässt ihn zuversichtlich auf die anstehenden internationale Großereignisse blicken: „Die Stars sind da ja immer etwas vorsichtiger mit ihren Mittelchen.“ Und die Deutschen kommen ohne „Mittelchen“ aus? Holdorf: „Die würden vielleicht auch gerne etwas nehmen, aber in Deutschland haben sie es sehr schwer, damit durchzukommen.“ Aber die Top-Stars der Szene fehlten in Ratingen nicht wegen der harten Anti-Doping-Politik in Deutschland. Dass die Stars lieber in Götzis starteten, „liegt daran, dass Götzis einen besseren Ruf hat“.

Auch wenn manch einer vielleicht zu Unrecht unter Verdacht gerät, stimme ihn das, „was da jetzt im Radsport passiert, zuversichtlich“, sagt Holdorf. „Dadurch kommt wenigstens mal wieder eine Diskussion zum Thema Doping in Gang.“ André Niklaus ist da ganz anderer Meinung: „Willi ist raus, er muss nicht alle drei Wochen eine Dopingprobe abgeben. Da lässt sich leicht sagen: Jetzt haut mal richtig drauf.“ Niklaus hat für den Aufschwung im deutschen Zehnkampf eine chemiefreie Erklärung: „Wir sind alle noch jung, da kann man sich noch steigern, allein schon mit Hilfe von guten Trainingsmethoden.“

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