Zehnkampf : Pascal Behrenbruch: Der starke Chaot

Zehnkämpfer Pascal Behrenbruch hat Potenzial für 8600 Punkte – nur steht er sich oft selber im Weg

Frank Bachner[Kienbaum]
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Gewaltige Kraft. Pascal Behrenbruch ist in der Lage, den Speer 70 Meter weit zu werfen. Für einen Zehnkämpfer ist das eine...picture alliance

Irgendwann, als er die Nase voll hat, verlegt er seinen Anlauf einen Meter zurück. Spontan, ein Experiment. Dann läuft Pascal Behrenbruch an und schraubt sich über die Latte. Wenigstens dieser Versuch hat geklappt, davor ist die Latte immer wieder gefallen. 1,90 Meter, das ist nicht toll, aber das Beste, was er hinbekommt an diesem Tag. Ein paar Minuten später sagt der Zehnkämpfer Behrenbruch: „Beim Hochsprung bin ich gerade in einem Loch. Eigentlich wollte ich in dieser Saison 2,09 Meter springen.“

Fünf Meter neben der Hochsprungmatte im Leistungszentrum Kienbaum steht Claus Marek, der Chef des Deutschen Zehnkampf-Teams, und sagt: „Pascal hat das Zeug zu 8600 Punkten.“

Vor einem Monat stand Marek in Ratingen und sagte: „Ich bin mit Pascals Auftreten absolut nicht einverstanden. Das ist eines Zehnkämpfers unwürdig.“ Der 24-Jährige hatte bei der WM-Qualifikation nach neun Disziplinen frustriert abgebrochen. Im Weitsprung, der zweiten Disziplin, war er nach beschämenden 6,87 Metern gelandet. „Schon da wollte ich aufhören“, sagt Behrenbruch.

Er darf in Berlin trotzdem starten. Er darf starten, weil er in Götzis 8374 Punkte erreicht hatte. Der beste Zehnkampf seines Lebens. Er ist jetzt sogar die größte deutsche Hoffnung, seit der verletzte Michael Schrader seinen WM-Start absagte. Und damit ist eine Frage noch spannender als zuvor: Welcher Behrenbruch tritt auf in Berlin? Der Mann, der den Speer schon 70,24 Meter weit geworfen und das Potenzial für „54 Meter im Diskus hat“ (Marek)? Oder der sensible Chaot, der sagt: „Negative Kritik zieht mich runter“, der sich nachts in Clubs herumtreibt und bei Qualifikationen an seinen Nerven scheiterte?

Behrenbruch ist ein Modellathlet, 1,96 Meter groß, der Körper ideal definiert. In Kienbaum trainiert er mit freiem Oberkörper, in Götzis, nach seinen 70,24 Metern, zerriss er sein Trikot und poste. Es sind die Rituale der starken Männer, der Alphatiere. Es sind die Rituale der Männer, die sich als Zehnkämpfer verstehen. Bei Behrenbruch bleibt die Show reine Hülle, er lebt die Rolle nicht. Pascal Behrenbruch ist ein verunsicherter Mensch im Körper eines Kraftprotzes.

Echte Zehnkämpfer, so wie Marek sie definiert, quälen sich bis zum Anschlag, sie geben nicht auf, sie betrachten das als eine Frage der Ehre. Und wenn sie enttäuschen, dann schämen sie sich. Pascal Behrenbruch sagt: „Ich müsste öfter meinen inneren Schweinehund überwinden.“ Er inszeniert sich in der Rolle des Mannes, der immer wieder an seinen Nerven scheitert. Es sind Signale, dass einer Mitleid einfordert. Es sind Signale, die Marek verrückt machen. „Er kokettiert damit, dass er der Trottel ist, der alles vergeigt. Er müsste sich mehr auf die Hinterbeine stellen.“

In Kienbaum beobachtet Jürgen Semmert fast jede von Behrenbruchs Bewegungen. Marek nickt mit dem Kopf ins Semmerts Richtung und sagt: „Der Trainer hat eine Elefantenhaut.“ Semmert trainiert Behrenbruch seit rund vier Jahren mit einer Engelsgeduld. Ohne ihn würde es den Hochleistungssportler Behrenbruch wohl nicht mehr geben.

Er hält durch, weil Behrenbruch so viel Potenzial hat. Er kann die Kugel 17,50 Meter weit stoßen, er kann mit dem Stab auch fünf Meter springen, sagt Marek. Aber fünf Meter hat der Frankfurter noch nie überquert, auch weil er „Urängste beim Springen“ hat (Marek). Erst 2009 in Götzis steigerte er sich auf 4,70 Meter. Zuvor hatte seine alte Bestmarke sieben Jahre lang bestanden. Andrej Tiwontschik, der Coach von Raphael Holzdeppe, trainiert Behrenbruch jetzt im Stabhochsprung. Tiwontschik, der Olympiadritte von 1996, lässt den 24-Jährigen immer nach Zweibrücken kommen. Eine Erziehungsmaßnahme. Bei so einem Aufwand ist Behrenbruch gezwungen, das Training ernst zu nehmen.

Es ist auch höchste Zeit. Behrenbruch hat bereits fünf Stabhochsprung-Trainer verschlissen. „Weil er so ein Chaot ist“, seufzt Marek.

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