Sport : Zehnkampf: Vom Abgrund auf Platz eins

Robert Hartmann

Erki Nool hätte sich beinahe zu früh gefreut. Ohne das Wohlwollen des Schiedsgerichts hätte der 30 Jahre alte Zehnkämpfer nicht seinen Olympiasieg gefeiert, sondern sich in einer stillen Ecke heftig ausgeweint. Es war im Diskuswerfen, dass der Este nach zwei ungültigen Versuchen, die Scheibe noch auf 43,66 m hinausbrachte. Das war nicht toll, doch bedeutete die Weite seine persönliche Bestleistung. Keine andere Disziplin bringt ihn in der Regel in eine größere Verlegenheit. Übermütig kobolzte er aus dem Betonring, er hatte am Abgrund gestanden und überlebt.

Doch plötzlich hob der Kampfrichter die rote Fahne. Ungültig. Aus der Traum. Nool war wie vor den Kopf geschlagen. Ein wenig winkte ihm das Glück aber doch noch zu. Denn draußen auf dem Rasen war von fleißigen Kampfrichtern die Einschlagstelle trotzdem markiert worden. Das war für den Fall wichtig, die Weite würde doch noch mal gemessen. Nämlich nach einem erfolgreich eingelegten Protest, und genau das geschah. Nool kehrte in den Wettkampf und in den kleinen Kreis der Elite zurück.

Andere Augenzeugen meinten, der stämmige Mann sei mit einem Schuh über die Umrandung geraten, habe den dahinter liegenden Belag jedoch nicht berührt. Deshalb habe er zurecht das grüne Licht erhalten. Welche Version auch stimmte, der Rest war Formsache. Seine Punktzahl von 8641 erzählt von einem schwierigen, unruhigen Zweitagekampf. Zuweilen liefen die Zehnkämpfer neben der Musik her. Das australische Publikum konnte mit ihnen nicht viel anfangen.

An Spannung fehlte es allerdings nicht. Erst im abschließenden 1500-m-Lauf wurden die Medaillen verteilt, das hatte es noch nie gegeben. Wie erwartet fiel der Amerikaner Chris Huffins vom ersten Platz herunter, doch ließ er sich nur von dem Tschechen Roman Sebrle (8608) überholen.

Der große Geschlagene hieß Tomas Dvorak aus Teschechien, der mit 8994 Punkten den Weltrekord hält und auch von jedem seiner Gegner anstandslos den Status des Unberührbaren zugestanden erhalten hatte. Bis ihn Leistenprobleme einholten. Angeschlagen von Anfang an schlug er sich zu 8385 Punkten und Platz sechs durch.

Genau dort hatte sich Busemann sein realistisches Ziel gesetzt, nicht sein heimliches Traumziel. Es reichte nur zu 8351 Punkten und Platz sieben. "Ich habe eigentlich gedacht, ich hätte zuletzt schon sehr viel mitgemacht" sagte er nach seinen niederschmetternden 33,71 m beim Diskuswerfen. Doch jetzt weiß er, dass der Vorhof zur Hölle viele Nischen hat.

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