Sport : Zehnvirtuelle Zentimeter

Tim Montgomerys perfekter Lauf zum 100-m-Weltrekord

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Von Robert Hartmann

Paris. Die Uhr blieb bei 9,78 Sekunden stehen: neuer 100-m-Weltrekord. Aber die wenigsten der 8000 Zuschauer bemerkten es im Pariser Stadion Charlety am Samstagnachmittag. Denn das Ereignis war mit keiner Silbe angekündigt worden. Kein Ballyhoo, keine Spekulationen. In Wahrheit sollten die sonst so aufgeregten Sprinter im Schatten anderer Wettbewerbe beim Grand-Prix-Finale in diesem Stadion stehen.

Das lag auch am Verursacher dieses Paukenschlags aus heiterem Himmel, dem 27-jährigen Tim Montgomery. Der Mann aus South Carolina ist 1,78 m groß und mit 69 Kilo ein leichter Sprinter. Niemand würde ihn im Straßenanzug erkennen. Jahrelang hatte Maurice Greene ihn mit seinem mächtigen Ego zugedeckt, Greene, der überragende Sprinter seit 1997, der ann, der mit 9,79 Sekunden den Weltrekord hielt. Montgomery litt unter diesem Ego der anderen wie ein Hund. Nun hatte er die Nummer eins entthront, endlich, um eine Hundertstelsekunde. Oder: Montgomery war um virtuelle zehn Zentimeter voraus. So schmal kann ein Meilenstein sein. Und doch so auffällig.

Montgomery war zunächst nur glücklich gewesen, Erster geworden zu sein. Er schaute gar nicht hinüber zu den drei magischen Zahlen 9,78, die auf der Zeittafel auftauchten. „Nicht einmal beim Aufwärmen habe ich etwas Besonders gespürt“, erzählte er. Es war sein vorletztes 100-m-Rennen eines langen Sommers, und er dachte schon an Zuhause. Wahrscheinlich war es diese Vorfreude, gepaart mit einer entspannenden Müdigkeit, die Geist und Muskeln für knapp zehn Sekunden lockerten. Von seinem Weltrekord erfuhr Tim Montgomery erst 50 Meter hinter dem Ziel, als er zum Stehen gekommen war und sein Trainer Trevor Graham sich auf ihn stürzte. „Ich dachte, da muss etwas Besonderes passiert sein“, erzählte er.

Es kam an diesem Tag alles zusammen. Mit 22 Grad Celsius war es warm genug für einen Weltrekord. Der Windmesser zeigte 2,0 m/sec an. Das ist jener Rückenwind, der zur Anerkennung eines Rekordes gerade noch erlaubt ist. Montgomery hatte sich den Klang des Startschusses vom Frauen-Sprint her genau eingeprägt, und deshalb betrug seine Reaktionszeit beim Ablauf nur 0,104 Sekunden. Jedenfalls ist das die Version, die Montgomery verbreitet. Die hört sich ja auch toll an. Aber wahrscheinlich ging er einfach nur extremes Risiko und hatte unwahrscheinliches Glück. Das trifft wohl eher die Wahrheit. Fünf Tausendstel Sekunden schneller, und er hätte einen Fehlstart produziert. So aber hat die Welt einen neuen 100-m-Weltrekordler.

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