Sport : Zeit für die Reifeprüfung

Die Dallas Mavericks haben wieder einmal ein neues Gesicht – und brauchen Nowitzki mehr denn je

Matthias B. Krause[New York]

Die Arbeitsplätze waren in diesem Sommer in der National Basketball Association (NBA) besonders unsicher. Über 100 Spieler wechselten den Arbeitgeber, fast hätte es auch ihn erwischt. Doch am Ende blieb Dirk Nowitzki ein weiteres Jahr bei den Dallas Mavericks und Shaquille O’Neal, der ihn beinahe aus der Mannschaft verdrängt hätte, unterschrieb in Miami. Nowitzki wiederum bekam in Erick Dampier endlich einen richtigen Center an die Seite gestellt. Doch wirklich glücklich kann der Deutsche trotzdem nicht sein. Was ihm fehlt, wenn die neue Spielzeit am 2. November beginnt, ist sein bester Freund und Bruder im Geiste auf dem Spielfeld: Steve Nash.

Der Anruf kam sehr plötzlich. Der Spielermarkt war noch gar nicht richtig eröffnet, da klingelte bei Nowitzki schon das Telefon. Sein Freund Nash berichtete von dem Angebot, das die Phoenix Suns dem Spielgestalter unterbreitet hatten: Fünf Jahre für 52,6 Millionen Dollar. Das waren mit Langzeitgarantien und Sonderklauseln rund 20 Millionen Dollar mehr, als der Besitzer der Mavericks, Mark Cuban, auf den Tisch legen wollte. Doch statt auf seinen engsten Weggefährten im Abenteuer NBA einzureden und ihn mit aller Kraft zu überzeugen, doch weiter in Dallas zu bleiben, riet Nowitzki ihm zu. „Du bist 30, ich verstehe, dass du an die Zukunft denken musst“, sagte er, „ich bin stolz auf dich.“

Damit geht in Dallas eine kleine Dynastie zu Ende – und für Nowitzki beginnt, wovor er sich bislang erfolgreich drücken konnte: die Reifeprüfung. „Mit oder ohne Steve, ich glaube, Dirk steht in diesem Jahr vor dem Durchbruch“, sagt Teamkollege Michael Finley, „ich mache ihm ein bisschen Druck. Und wenn er am Ende zu den besten fünf Spielern der Liga gehört, dann haben wir eine gute Chance, ein ordentliches Team zu sein.“ Headcoach Don Nelson fordert kaum weniger. „Er wird das beste Jahr haben, das er jemals hatte, davon bin ich überzeugt. Dirk sollte wirklich zufrieden mit uns sein.“

Zufrieden? Darüber lässt sich streiten. Gut, in Dampier kam ein Mann, der endlich jene körperliche Präsenz unter den Körben verspricht, die die Mavericks trotz verzweifelter Anstrengungen in den vergangenen sechs Jahren nie aufbieten konnten. Doch seine Zahlen mit durchschnittlich 12,3 Punkten und 12,0 Rebounds sehen erst seit der verstrichenen Saison wirklich überzeugend aus. Und in Dallas munkeln sie schon, ob er vielleicht nur deshalb so motiviert war, weil er um einen neuen Vertrag spielte.

In Jason Sasser verpflichtete Dallas einen Spieler, der in der vergangenen Saison noch für GHP Bamberg in der Bundesliga spielte. Allerdings wird der Forward keine tragende Rolle im Team spielen. Anders Jason Terry, der für Steve Nash als Ersatzmann aus Atlanta kam. Allerdings schleppt dieser eine Statistik mit sich herum, in der Dallas bislang zu den Besten gehörte: Ballverluste.

Diese Schwäche provozierte bereits im Trainingslager den einen oder anderen gehörigen Wutanfall von Nelson. Der ist zudem wenig erfreut von der flachen Lernkurve seines neuen Point Guards. So wird wohl Rookie Devin Harris einen gehörigen Teil der Aufgabe für die Spielgestaltung übernehmen, und der als sechste Mann eingekaufte Jerry Stackhouse ausgedehnte Einsätze erhalten. Allerdings wird er wegen Schmerzen im Oberschenkel mindestens beim Auftaktspiel der Mavericks gegen die Sacramento Kings fehlen (2.30 Uhr, live auf Premiere).

Wie man es also dreht und wendet, alles hängt letztlich an Nowitzki. Nach einem produktiven Sommer, den er teilweise mit der Nationalmannschaft verbrachte und teilweise zum gewohnten Einzeltraining in der Schulsporthalle in Rattelsdorf bei Bamberg mit seinem Mentor Holger Geschwindner nutzte, sieht er sich den Herausforderungen gewachsen. „Ich fühle mich großartig“, sagt Nowitzki, „ich bin etwas athletischer als in den vergangenen Jahren. Diese Saison geht es um die Wurst.“ Nash habe viele Sachen für ihn leichter gemacht, gesteht der Power Forward offen, „aber ich denke, ich bin jetzt alt genug, um zu wissen, wie ich meine eigenen Würfe kriege. Das wird schon klappen.“

Das muss klappen. Sonst dürften sie in Dallas mit ihm doch die Geduld verlieren. In der vergangenen Saison sank erstmals in seiner Karriere sein Punktedurchschnitt. Von 25,1 auf 21,6 Punkte. Nach dem vorzeitigen Ausscheiden in der ersten Play-off-Runde grübelte die „Dallas Morning News“ bereits, ob Nowitzki seinen Zenit überschritten habe. Mit 26. Die Zeit der Antworten beginnt.

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