Sport : Zeit zu gehen

Schweden fühlt sich gedemütigt und sucht die Schuld bei Trainer Lagerbäck

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München/Stockholm - Schweden verbeugt sich tief vor der Elf von Jürgen Klinsmann. „Nie zuvor ist eine schwedische Nationalmannschaft dermaßen überfahren, verprügelt, und in Grund und Boden gespielt worden“, schrieb „Aftonbladet“ nach dem glanzvollen deutschen 2:0-Achtelfinalsieg in München. „Miroslav Klose zu stoppen, erwies sich als genauso schwer wie der Versuch, einen Aal mit bloßen Händen zu fangen“, erklärte „Svenska Dagbladet“ Schwedens Albtraum zum Mittsommerfest und hielt den deutschen WM-Traum noch vor lange nicht für ausgeträumt: „Mit einem Stürmer wie Klose ist der Weg ins Finale offen. Er steht für Schnelligkeit, Kraft und Frische.“

Bei der eigenen Mannschaft hatten die Kritiker vor allem Trainer Lars Lagerbäck und den total verschlafenen Auftakt im Visier. „Wir sind eigentlich so routiniert, dass uns so was nicht passieren darf“, sagte Fredrik Ljungberg über die ersten 15 Minuten. Der offensive Mittelfeldmann vom FC Arsenal hatte schon vor dem Spiel gegen Deutschland das betont vorsichtige Taktieren Lagerbäcks intern heftig kritisiert.

Der Trainer selbst schien im Gegensatz zu seinen Landsleuten keinen „Albtraum“ erlebt zu haben: „Das war ein Zusammenwirken von Pech und starkem Willen des deutschen Teams.“ Dass der wie immer emotional völlig unberührt wirkende 58-Jährige die Niederlage als Resultat von „Zufälligkeiten“, „unglücklichen Toren“ und eben „Pech“ schönzureden versuchte, dürfte ihn zu Hause den letzten Rest an Sympathie gekostet haben.

Eigenwillig äußerte sich auch Stürmer Zlatan Ibrahimovic: „Natürlich ist es hart, bei einer WM auszuscheiden. Aber wir können stolz auf das Erreichte sein.“ Dabei hatten die Blau-Gelben eigentlich nur eine Halbzeit lang beim Gruppenspiel gegen England (2:2) überzeugt. Ibrahimovic wurde ebenso zu einem WM- Flop wie sein Sturmkollege Henrik Larsson.

Der von dem 35-Jährigen als trostloser Abschied von der großen Fußballbühne in den Münchner Himmel gejagte Elfmeter fügte sich nahtlos in das Gesamtbild von Missmut, schlechter Stimmung und wenig Harmonie: Gegen alle Trainer-Gepflogenheiten bereitete Lagerbäck seine zweite Auswechslung in der 52. Minute vor, als Larsson zum Strafstoß antreten sollte, dessen Verwandlung die 0:2 zurückliegenden Skandinavier noch einmal ins Spiel gebracht hätte. „Ich hoffe, dass ihn das nicht in seiner Konzentration gestört hat“, sagte der Trainer später. Larsson selbst, Schwedens mit Abstand populärster Fußballer, zeigte im bitteren Augenblick der Niederlage innere Distanz: „Fußball ist ein Spiel, in dem es um Tore geht. Und ich habe keines geschossen.“

Die Stockholmer Publizistin MarieLouise Samuelsson grollte dagegen: „Die sprichwörtliche Feigheit dieses unfähigen Trainers hat Larsson den Abschluss seiner glanzvollen Karriere gekostet.“ Die Zeitung „Expressen“ verlangte die sofortige Ablösung des Trainers, der in sechs Amtsjahren stets auf sichere Defensive und einen vorsichtig abtastenden Start setzte, und konnte vor allem dessen Ausreden nicht ertragen: „Aus Lagerbäck wurde ein Lügenbäck.“ Der hart Gescholtene beantwortete auch die Fragen nach einem vorzeitigen Abtritt mit der gewohnt stoischen Ruhe: „Ich pflege meine Verträge zu erfüllen.“ dpa

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