Sport : ZEN ZU NULL Die durch das Tor gehen

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Einunddreißig Tage lang wird sich unser Leben vor allem um eines drehen: Tore, Tore, Tore. Doch eine Fußball-WM bedeutet mehr, als sich nur mit Bällen zu beschäftigen, die von Netzen aufgehalten werden. Fußball ist Philosophie. Immer wieder dienstags und freitags heben wir deshalb den Fußball während der WM in Japan und Südkorea auf eine nächste, eine höhere Ebene. In der ersten Folge versucht der Autor, ganz und gar im Spiel aufzugehen.

„Das WM-Zen ist aber nichts für Schwache“, hatte der Meister am Telefon gesagt. „Ich weiß, Meister“, antwortete ich so bestimmt wie möglich und konnte meine Freude kaum bezwingen. Er hatte tatsächlich angerufen. Ich war mit dabei, einer von 23 glücklichen Auserwählten. Dabei mussten sich Tausende auf diese Anzeige gemeldet haben: Das Selbst aus dem Innern des Tores hinauszuführen ist leicht, aber durch das Tor aus dem Innern des Selbst hinauszugehen ist schwer. Zen zu Null – eine Methodische Fußballmeditation im Juni 2002. Bad Herrenalb. Wochen der Einkehr sollen es werden, Wochen konzentrierten Versenkens. Jemandem, dem die Fußballmeditation fremd ist, muss das wie Unsinn erscheinen. Wir alle aber, die wir jetzt auf geflochtenen Binsenmatten unsere Position einnehmen, tragen die Buddha-Natur seit langem im Herzen. Denn wir wissen, wie sich „sprachloses Selbstvergessen“ wirklich anfühlt. Genau da wollen wir wieder hin.

Zurück in die undifferenzierte Selbstlosigkeit der Betrachtung. Deshalb sind wir hier. „Es geht darum, nicht eine Szene zu verpassen, also jeden einzelnen Augenblick ganz bewusst zu erleben“, erklärt der Meister ruhig, als er den Seminarplan vor unsere Füße legt. Die ersten beiden Wochen werden besonders hart. Sechs Stunden Live-Meditation täglich (Soto- und Rinzaitechnik), nachmittags dann eingehende Analysen, Bettruhe erst nach 23 Uhr, Wecken vor Sonnenaufgang. „Alles eine Frage der Einstellung“, sagt der Meister und lässt sich vor uns nieder. „Den Rücken gerade und den Kopf aufrecht halten, genau wie Michael Ballack - nur eben sitzend!“ Aha, Lotussitz, fühlt sich gut an. Noch in der Aufwärmphase durchstreift ein seltsames Bild meinen Geist: Wasserochse zieht drei Fremde übers Feld. Ein Mann, der schwarz aussieht, greift erlösend ein.

Ob er Jancker auch aufstellen würde, will ich darauf vom Meister wissen, erhalte aber keine Antwort. Es sind jetzt nur noch wenige Minuten bis zur ersten richtigen Wandbetrachtung. Plötzlich geht mir auf, wie klein und wenig achtsam meine Jancker-Frage war. Wie sehr ich immer noch von eigenen Leidenschaften und der Illusion meines Selbst belastet bin und wie schwer es mir also fallen muss, ganz und gar im Spiel aufzugehen.

„Jetzt geht’ s los“, unterbricht der Meister diesen ersten wichtigen Schritt und lässt eine Großbildleinwand aus Reispapier von der Decke. Endlich. Die Bilder sind gestochen scharf. Ruhen im gespannten Moment. Direkt vor dem Anpfiff erfahren wir noch, im Shao-Lin Tempel habe Bodhidarma einst neun Jahre solch einer Wand zumeditiert. Alle nicken verständig. Wir sind bereit. Wolfram Eilenberger

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