Sport : Zerrüttetes Verhältnis

Der Deutsche Tennis Bund und Daviscup-Teamchef Michael Stich kündigen sich gegenseitig

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Von Oliver Trust

Karlsruhe. Wenn die Heftigkeit der Reaktion ein Gradmesser für das Ausmaß einer Krise ist, geht es dem Deutschen Tennis Bund (DTB) prächtig. Mit fast stoischer Ruhe reagierte der Verband und sein umstrittener Präsident Georg von Waldenfels auf Vorwürfe ihres Daviscup-Kapitäns Michael Stich, der mit bissigen Kommentaren und süffisantem Lächeln seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte. Gegen 13 Uhr teilte der Verband daraufhin auf neun Zeilen mit, dass Stich als Teamchef ab sofort ausgedient hat und Daviscup-Gewinner Patrik Kühnen die Aufgabe kommissarisch im Abstiegsduell vom 20. bis 22. September in Karlsruhe gegen Venezuela übernimmt.

Wie lange der DTB das zerrüttete Verhältnis zum 33 Jahre alten Stich tatenlos vor sich herschob, offenbarten die Kommentare nach dem Rückritt-Rauswurf. „Ich will nicht wieder der böse Bube sein, aber unter einem Teamchef stelle ich mir etwas anderes vor als das, was Michael Stich gemacht hat“, sagte die deutsche Nummer eins Thomas Haas, der bei einem Turnier in Taschkent weilt. „Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Daviscup-Kapitän und den Spielern ist offensichtlich nicht mehr gegeben“, sagte DTB-Präsident Georg von Waldenfels. „Ich finde es sehr schade, dass Michael Stich so kurz vor dem für Deutschland wichtigen Spiel gegen Venezuela zu dieser Entscheidung gekommen ist.“ Stich ist nun der Verlierer eines Machtkampfes, bei dem es um Einfluss im deutschen Tennis geht. Stich hatte versucht, Boris Becker zu reaktivieren und wollte ihn im Doppel gegen Venezuela einsetzen. Der Verband, so sagte es Stich, habe sich immer wieder gegen überfällige Reformen gewehrt.

Beim DTB wird am 15. November ein neues Präsidium gewählt. Für Georg von Waldenfels gibt es keinen Gegenkandidaten. Der DTB-Boss hatte sich in der Vergangenheit nicht nur mit Stich und Boris Becker gestritten, sondern war auch der Grund für einen Zwist mit Haas, der erst nach langen Gesprächen wieder ins deutsche Team zurückkehrte.

Schon lange war das Verhältnis zwischen Stich und von Waldenfels gestört. „Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung“, sagte Stich, der nichts Befriedigendes in der Zusammenarbeit entdecken konnte. „Solange sich die Spieler nicht als Mannschaft finden, werden die noch endlos viele Daviscup-Kapitäne und Teamchefs verschleißen, weil ihnen keiner helfen kann, weil sie die Hilfe gar nicht haben wollen." Und: „Sie sind nicht in der Lage, Einzelinteressen zurückzustellen und sich als Mannschaft zu finden.“

24 Stunden vor der großen Aussprache über die Medien hatte Stich den DTB informiert, dass er seinen Vertrag nicht verlängere und nach dem Duell gegen Venezuela nicht mehr zur Verfügung stehe. Dass Stich noch vor seinem Rauswurf Thomas Haas, Rainer Schüttler, David Prinosil und Nicolas Kiefer für die Partie gegen Venezuela nominierte, trat völlig in den Hintergrund.

Stich hatte für den Vorschlag, Boris Becker für das Doppel der Daviscup-Paarung zu reaktivieren, fast nur Widerspruch bekommen. Spieler wie Haas hatten unverhohlen mit ihrem Rückzug gedroht, und auch DTB-Präsident Georg von Waldenfels hatte sich gegen eine Rückkehr Beckers ausgesprochen. „Mir lag bei dieser Überlegung einzig das Wohl des deutschen Tennis und seine positive Außendarstellung am Herzen“, sagte Stich, „ich halte es nach wie vor für eine gute Idee.“ Nach einem Schaukampf zwischen Becker und Stich in Berlin hatte sich die Idee entwickelt, „weil wir ein Problem im Doppel haben“. Zudem hatte Stich dem Verband im Mai ein Konzept vorgestellt und gebeten, ihn spätestens in der Woche vor dem Daviscup über die Personalplanungen des Verbandes zu informieren. Er habe dann vier Monate lang nichts gehört. Rainer Schüttler sagte nach Stichs Rücktritt und Rauswurf: „Es muss endlich Ruhe im Team herrschen, sonst bin ich bald 30 und habe den Daviscup immer noch nicht gewonnen.“

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