Sport : Zeugen nicht gesucht Doping: Sportverbände lehnen

Kronzeugenregelung ab

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Von Erik Eggers

Köln. Kann eine Kronzeugenregelung auch im Kampf gegen das Doping greifen? Vermag sie das Kartell des Schweigens im Hochleistungssport aufzubrechen? Dieser von den Stuttgarter Rechtsanwälten Matthias Breucker und Christoph Wüterich vorgetragene Vorschlag stößt bei den deutschen Sportverbänden auf Skepsis.

Wüterich und Breucker hatten eine Kronzeugenregelung vorgeschlagen, um das Umfeld gedopter Leistungssportler zu sprengen. Gedopte Sportler sollen, sofern sie zur Aufklärung systematischer Dopingpraxen beitragen, auf Strafmilderung hoffen. Konkret schlagen die Anwälte vor, lebenslange Sperren in zweijährige Startverbote umzuwandeln und zweijährige Sperren auf sechs Monate zu reduzieren.

„Das Ganze ergibt erst dann Sinn, wenn Dopingvergehen auch strafrechtlich relevant sind“, sagte Clemens Prokop, Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, dem Tagesspiegel. „Erst dann ist man dazu in der Lage, mafiöse Verbindungen im Sport zu zerschlagen.“ Bislang ist Sportbetrug lediglich in Italien und Frankreich im Strafrecht verankert. Prokop arbeitet als Jurist, die „Erfolge dieser Praxis in anderen Rechtsbereichen sind mir bekannt“, doch im autonomen Sport seien derartige Anreize bislang wirkungslos gewesen. Er verweist auf ähnliche Bestimmungen beim Internationalen Leichtathletik-Verband und im Anti-Doping-Code des Internationalen Olympischen Komitees, die bislang von erwischten Sportlern nicht in Anspruch genommen worden seien. Grund: „Die Sportler müssten zugeben, dass sie wissentlich gedopt haben“, das zerstöre jede Werbewirkung nach Ablauf der Sperre. Im Grundsatz aber hält er den Vorschlag für „diskussionswürdig".

Auch Sylvia Schenk, Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer und ebenfalls Juristin, begrüßt „jede Idee, die uns im Kampf gegen Doping voranbringt“. Allerdings bezweifelt sie die Umsetzung: „Wenn ein erwischter Sportler behauptet, ein anderer habe sich vor einem Jahr eine verbotene Pille eingeworfen, bleibt die Frage, ob das für eine Strafmilderung ausreicht.“ Zudem kritisiert Schenk die Grundannahme Wüterichs und Breuckers von konspirativen Dopingpraxen in abgeschotteten Gruppen. „Meine Erfahrung ist die, dass viele Dopingfälle allein auf die Athleten zurückgehen“, so Schenk. Sie hält deswegen den Vorschlag für „zu schwammig und in vielen Punkten weitgehend unausgegoren". Vor allem dürfe das nicht von dem Kern der Bekämpfung ablenken: der zu geringen Kontrolldichte.

Harald Hans Körner, künftig in der neugegründeten Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) zuständig für den Bereich Recht, hat den Vorschlägen bereits schriftlich widersprochen. Nach Körner, im Hauptberuf Leiter der Zentralstelle für die Bekämpfung der Betäubungsmittelkriminalität beim Generalstaatsanwalt in Frankfurt, „können weder Sportverbände noch Strafjustiz die Dopingprobleme isoliert lösen“. Ohne Polizei sei keine Aufklärung möglich. Die Verbände seien nicht in der Lage, den Wahrheitsgehalt von Kronzeugenaussagen ausreichend zu überprüfen. „Damit aber steht und fällt der Wert dieses Instruments“, sagt Körner.

Sicher ist immerhin, dass die deutschen Sportverbände den Vorschlag weiter diskutieren werden. Das kündigte Ulrich Haas, Leiter der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Sport-Bundes, im Tagesspiegel an: „Dieses Thema wird nicht verpuffen.“

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