Sport : Zickenfrieden

Claudia Pechstein relativiert ihre Aussagen über Gunda Niemann-Stirnemann

Ernst Podeswa

Erfurt. Erwartet wurden die üblichen Aussagen: dass sie fleißig trainiert hätten. Auf Rollen. Auf dem Rad. Im Kraftraum. Auf dem Eis. In der Höhe. Und dass man verletzungsfrei über den Sommer gekommen sei. Gott sei Dank! So ist es seit jeher bei den nationalen Meisterschaften der Eisschnellläufer. Wie am Wochenende in Erfurt: Natürlich gab es die gewohnten Auskünfte. Aber erst nach einer Erklärung vorab, die selbst die dreifache Weltmeisterin des letzten Winters, Anni Friesinger (Inzell), und die dreifache olympische Medaillengewinnerin von Salt Lake 2002, Sabine Völker (Erfurt), zu verblüffen schien. Denn ihrer Kollegin Claudia Pechstein (Berlin) war vorweg das Wort erteilt worden. Was dann von der vierfachen Olympiasiegerin verkündet wurde, war ein bisschen Medienschelte à la Rudi Völler: Sie sei erstaunt über das, was jüngst über sie zu lesen war, sagte die 31-jährige Berlinerin und zitierte den Text einer Nachrichtenagentur. In dem sei ihre Aussage zum Comeback Gunda Niemann-Stirnemanns unvollständig und falsch wiedergegeben worden: „Ich habe nur gesagt, wenn ich 37 wäre, ein Kind hätte, fast zwei Jahre keine Wettkämpfe bestritten und keine guten Zeiten im Training hätte, würde ich nicht wieder anfangen.“ Daraus habe die Agentur dann ein Rumzicken ihrer seits gemacht: „Wahrscheinlich braucht man den Zickenkrieg, um abgedruckt zu werden.“ Und im Übrigen traue sie Niemann-Stirnemann bei ihrem Neustart „alles zu, weil ich ihr Potenzial kenne. Ich wünsche ihr jedenfalls alles Gute".

Es war eine Richtigstellung zur rechten Zeit. Denn Niemann-Stirnemann verfehlte in dem Rondell, das ihren Namen trägt, am Freitagabend als Meisterin über 5000 m den Bahnrekord Pechsteins nur um Sekundenbruchteile. Die Berlinerin lief nicht mit, wird aber am heutigen Sonntag über 3000 m das Duell mit der 98-maligen Weltcupsiegerin zu bestehen haben.

„Ich kann nicht zulassen, dass mein Image böswillig vermiest wird“, sagte Claudia Pechstein. Dass sie in der Gunst der Öffentlichkeit, der Medien und der Sponsoren zugelegt hat, hat sie vor allem ihren sportlichen Erfolgen zu verdanken. „Ich will durch Leistungen präsent sein“, sagt sie. Als sie kurz nach Olympia in Salt Lake City das Angebot bekam, sich für den „Playboy“ auszuziehen, hat sie das abgelehnt. Nun hat das Magazin vor 14 Tagen erneut nachgefragt. Aber „nackt ist nicht“, sagt Pechstein.

Mit ihren Siegen hat die Berlinerin sich nicht nur landesweit Sympathien erlaufen, sondern auch in ihrer Heimatstadt. Vor kurzem bekam sie den Landesorden Berlins, was Sportlern selten passiert. Das empfinde sie „schon als etwas Besonderes, denn es geht hierbei nicht um die Anerkennung eines Titels, sondern um die Würdigung der Gesamtpersönlichkeit“. Ihre Sponsoren jedenfalls dürfen sich bestätigt fühlen. Drei Unternehmen werben auf Pechsteins Rennanzug. Das bringt ihr pro Jahr geschätzte 750 000 Euro. Damit liegt Pechstein weit vor ihren Konkurrentinnen.

Inzwischen ist sie längst Werbemillionärin, und trotzdem genießt der Sport weiterhin Priorität. „Weil mir Training und Wettkämpfe nach wie vor Spaß machen“, sagt Pechstein. Ich möchte das unglaubliche Gefühl der Zufriedenheit weiter genießen und vor allem bei den Einzelstrecken-WM über 5000 m wieder ganz oben stehen." An ein Karriereende denkt sie derzeit nicht, auch nicht daran, wie Gunda Niemann-Stirnemann Mutter zu werden. „Das alles ist zurückgestellt bis nach Olympia 2006 in Turin.“ Während der Spiele feiert sie ihren 34. Geburtstag. Sie will dann zum fünften Mal an Winterspielen teilnehmen, zum fünften Mal eine Medaille gewinnen – und zum vierten Mal hintereinander Gold über 5000 m.

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