Sport : Zico sehen – und verlieren

Neuseelands Trainer Herbert unterliegt seinem Idol erneut

Martin Hägele

Paris. Vermutlich sind bei Ricky Herbert wieder Erinnerungen wach geworden, als er von der neuseeländischen Bank hinüberschaute zum Kollegen. Damals – in Spanien 1982 – beim ersten und bislang einzigen WM-Auftritt der Neuseeländer versuchte Herbert, seinem direkten Gegenspieler Zico den Ball abzuluchsen. Es war hoffnungslos, der Turnierfavorit setzte sich problemlos mit 4:0 durch. Zum Schluss verlor Herbert auch noch das Rennen um das Trikot mit der Nummer zehn von Zico; einer seiner Kumpel war beim Abpfiff schneller.

Deshalb ist nun ein anderes kanariengelbes Hemd in einer Glasvitrine im Hausflur der Herberts ausgestellt: die Acht von Socrates, einer weiteren Koryphäe der „Seleçao", die Zico in nichts nachstand. Und dann ist da noch die Erinnerung an den richtigen Pelé. Der stand seinerzeit in Malaga plötzlich in der Kabine und gratulierte den braven Jungs aus dem Fußball-Entwicklungsland für ihren anständigen Einsatz.

Sicherlich ist Neuseelands Assistenztrainer Ricky Herbert, der sonst fürs Olympiateam zuständig ist, beim Auftaktspiel des Konföderationen-Cups im Stade de France von Paris aufgefallen, dass sein Land in den vergangenen 21 Jahren allenfalls in der Fifa-Rangliste einen Sprung nach vorn gemacht hat, doch dieser Platz 50 hat mit der Realität nichts zu tun. Wenn allein Bundesligaprofi Takahara vom Hamburger SV halbwegs getroffen hätte, hätte Neuseeland mindestens sechs Tore von den Japanern kassiert. Mit dem 0:3 blieb die Niederlage im Rahmen. Herbert hat jedenfalls bereut, dass er im Vorfeld den Mund zu voll genommen hat. „Zico wird sich nicht mehr an mich erinnern, aber nach diesem Spiel wird er noch lange an Neuseeland denken müssen“, hatte er gesagt. Nein, diese kräftigen Kerle, die in Neuseelands Nationalsportarten Rugby und Rudern bestimmt eine ordentliche Figur abgegeben hätten, bedeuteten keine Gefahr für die von Zico trainierten Japaner.

Zico, Regisseur von drei brasilianischen WM-Teams (1978, ’82, ’86), war zum Nationalcoach Japans berufen worden, ohne eine berufsspezifische Ausbildung, geschweige denn ein Trainerdiplom vorweisen zu müssen. Der neue Verbandspräsident Kawabuchi wollte zu seinem Einstand einen großen Namen präsentieren. In Japans Fußballszene gibt es keinen größeren Namen als den von Zico. Als Idol und später Manager des viermaligen J-League-Meisters Kashima Antlers hat er sich in den vergangenen zwölf Jahren in seiner Wahlheimat den Kredit eines Nationalhelden erworben.

Doch wie das so ist mit solchen lebenden Denkmälern: Wenn der Erfolg ausbleibt, reizen sie die Kritiker. Dürftig ist die Bilanz in der Tat. Nur ein Sieg in sieben Partien, und der war auch noch ausgesprochen glücklich in der Nachspielzeit gegen Südkorea in Seoul zustande gekommen; beim Rückspiel vor drei Wochen in Tokio hatten die Erzrivalen die Gastgeber jedoch sportlich blamiert. Wo bleiben die Visionen vom modernen Offensivfußball, die der Altstar den Reportern immer an die Wand malt? In jenen Interviews kommt übrigens Philip Troussier, sein Vorgänger, immer schlecht weg.

Der derzeit arbeitslose Franzose, der die Japaner in drei Jahren Aufbauarbeit zum Asienmeister gemacht hatte, verfolgte seine ehemaligen Schützlinge jetzt im Spiel gegen Neuseeland von der Ehrentribüne aus. Ausgerechnet am Tag, an dem sich das 0:1 Japans im WM-Achtelfinale gegen die Türkei jährte. Dabei hätten die Japaner, so Zicos Vorwurf an Troussier, mental versagt. Troussier mag sich nun gewünscht haben, er hätte im vergangenen Sommer auch solch agile Stürmer wie Takahara (der wegen einer Lungenerkrankung für die WM absagen musste) oder den gerade 21-jährigen Okubo in seinem Kader gehabt. Diese beiden sorgten ständig für Alarm in Neuseelands Hintermannschaft und verschafften den Stars Nakata und Nakamura schon im Mittelfeld entsprechend Raum, den die beiden Italien-Profis und Torschützen weidlich nutzten.

Was dieser Erfolg wirklich wert ist, wird sich heute in St. Etienne gegen Europameister Frankreich zeigen.

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