Sport : Zidane macht weiter

Der Franzose schießt seine Elf zum 3:1 gegen Spanien und verlängert seine Karriere um mindestens ein Spiel

Sven Goldmann[Hannover]

Der König lebt, und wie er lebt: Zinedine Zidane hat die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland um einen weiteren Höhepunkt bereichert. Viele hatten ihn schon abgeschrieben, doch im Achtelfinale gegen Spanien machte der Franzose sein bisher bestes WM-Spiel. Beim überraschenden 3:1 (1:1)-Sieg über den WM-Favoriten schoss Zidane ein Tor selbst, ein weiteres bereitete er vor. Am Samstag treffen die Franzosen in der Runde der letzten Acht in Frankfurt auf Brasilien. „Die Spanier hatten sich darauf gefreut, mich zu pensionieren“, sagte der 34-Jährige, der seine Karriere nach der WM beendet. „Doch dieses Spiel sollte es nicht sein.“ Zidanes Abschiedstournee geht weiter.

Die Chefs in der französischen Mannschaft sind zwar längst andere, Vieira und Thierry Henry, aber die Kapitänsbinde darf Zidane immer noch tragen. Er hat vom ungeliebten Trainer Raymond Domenech eine seltsame Rolle zugewiesen bekommen. Zidane ist so eine Art zurückhängender Stürmer auf halblinker Position, ausgestattet mit der Freiheit, ab und zu in der Mitte seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, also die Bälle zu verteilen. Das gelingt ihm mal mehr, mal weniger, das Spiel gegen Spanien zählt nicht zu den Höhepunkten seiner großen Karriere. Aber wer hatte das schon erwartet von einem Mann, der vor einer Woche 34 Jahre alt geworden ist und dessen Körper schon seit längerem den immer höher werdenden Anforderungen des internationalen Topfußballs immer weniger gerecht wird. Zidane hebt auf seiner linken Seite häufig die Hand, aber er bekommt selten den Ball. Manchmal sieht es so aus, als spielten die Franzosen um ihn herum wie um ein Denkmal.

Der moderne Tempofußball ist Zidanes Sache nicht mehr, aber er kann dem Spiel immer noch besondere Momente geben, auch bei dieser Weltmeisterschaft. Zum Beispiel dieses Dribbling Mitte der erste Halbzeit mit dem anschließenden öffnenden Pass auf Thierry Henry, der auf der rechten Seite hinunterlief bis kurz vor den weißen Kreidestrich und dann in die Mitte passte, wo hintereinander Frank Ribery und Patrick Vieira verpassten. Es war die bis dahin schönste Stafette eines Spiels, das weitgehend von den Spaniern bestimmt wurde.

Der Führungstreffer fällt dann auch nicht ganz überraschend. Lilian Thuram, noch einer aus der großen alten Garde von 1998, tritt dem spanischen Verteidiger Pablo auf den Fuß, und das auch noch im französischen Strafraum. Schiedsrichter Roberto Rosetti aus Italien steht gut, er pfeift sofort und hat Recht. Dennoch läuft Zidane als erster Franzose protestierend zum Schiedsrichter und schiebt Willy Sagnol zur Seite. Sie wechseln ein paar Worte, dann darf David Villa zum Elfmeter antreten. Der Spanier verwandelt ihn, wie es souveräner kaum geht: flach, scharf und platziert. Frankreichs Torhüter Fabien Barthez fliegt in die richtige Ecke, aber er hat keine Chance.

27 Minuten sind gespielt und im Geiste werden die ersten sportlichen Nachrufe verfasst. Doch dafür ist es noch zu früh, denn diese französische Mannschaft besteht nicht nur aus dem Mann, dem die Nachrufe gewidmet werden. Kurz vor der Pause treibt der großartige Vieira den Ball durchs Mittelfeld, im perfekten Augenblick findet sein Pass den kleinen Ribery, der im Gegensatz zum zentral postierten Henry nicht im Abseits steht. Ribery läuft Puyol und Pernia davon, er umkurvt auch noch den halbherzig herauslaufenden Casillas und schiebt den Ball ins leere Tor zum 1:1. Frankreich und Zidane sind wieder im Spiel.

Längst hat sich die anfängliche Beklemmung gelöst, jetzt sind es die Spanier, die ein wenig nervös werden. Zidane wird munterer, es hält ihn immer seltener auf halblinks. Wunderschön sein Zuspiel auf Florent Malouda, dessen Heber Casillas nur mit einiger Mühe und einem artistischen Sprung erreicht. Spaniens Trainer Luis Aragones mag sich das nicht mehr mit ansehen und holt seinen Kapitän Raul vom Platz. Die beiden verbindet ein ähnlich unterkühltes Verhältnis wie es Zidane und Domenech pflegen. Auch Torschütze Villa muss Platz machen für Joaquin, allein Aragones’ Lieblingsschüler Fernando Torres behält seinen Platz im Angriff. Belebend wirkt sich das nicht aus, im Gegenteil, das Niveau verflacht ein wenig. Bis zur wegweisenden 84. Spielminute. Zidane hebt einen Freistoß vor das spanische Tor, am Fünfmeterraum lauert Vieira, und vielleicht wäre sein Kopfball gar nicht ins Tor gegangen, hätte ihn der Spanier Ramos nicht abgefälscht.

Zidane liegt ganz oben auf dem Haufen der jubelnden französischen Spieler, und er ahnt noch nicht, dass er selbst den Schlusspunkt an diesem Abend setzen wird. In der Nachspielzeit schließt der große Franzose ein Solo mit schönem Flachschuss zum 3:1 ab. Kurz danach ist Schluss. Arm in Arm mit Fabien Barthez marschiert Zidane vom Platz, und sogar Trainer Domenech klatscht Beifall.

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