Sport : Zittern, Jubel und Wut

Während Herthas Fans mitfiebern, leidet Köln. Die Chronik eines packenden Nachmittags.

von und

Berlin, 15:21 Uhr:

Noch neun Minuten und die Ostkurve präsentiert sich… löchrig! Keine Lust auf Abstiegskampf? Wahrscheinlich sind sich die blau-weißen Kuttenträger auch einfach nur ganz sicher, dass heute keineswegs der letzte Vorhang fällt. Warum dann ausgerechnet zu einem Spiel gegen den Plastikfeind aus Hoffenheim gehen…

Köln, 15:23 Uhr: Keine Spur von Abstiegskampf in Müngersdorf. Die Fans zelebrieren zwar einen Abschied, aber nur den vom Prinz. Auf den Tribünen säuseln sie „Lukas, mach et jot!“. Die Rückennummer 10 soll erst dann wieder vergeben werden, wenn Lukas Podolski nicht mehr Fußball spielt.

Berlin, 15:41 Uhr: Otto Rehhagel steht auf, er tigert durch seine Coaching-Zone und verschränkt die Arme demonstrativ vor der Brust. Macht er sonst nie. Wird Herthas Trainer mit 73 noch mal nervös?

Köln, 15:43 Uhr: Die Bayern übernehmen das Kommando. Torhüter Manuel Neuer macht neben seinem Tor ganz entspannt Übungen mit einem Ersatzball. Lukas Podolski trägt seine Nummer 10 spazieren.

Berlin, 15:46 Uhr: Noch immer kein richtiger Hoffenheimer Angriff, aber um auf Betriebstemperatur zu kommen, rennt der Berliner Innenverteidiger Peter Niemeyer seinen Nebenmann Roman Hubnik um.

Berlin, 15:48 Uhr: Tor für Hertha: Aus halbrechter Position zirkelt Änis Ben-Hatira einen Freistoß in den Strafraum. Niemeyer, glücklicherweise auf Betriebstemperatur, reckt seinen Kopf in die Luft, aber sein Haar ist zu kurz geschnitten, als dass er die Flugbahn verändern könnte. Der Ball tippt kurz auf und fliegt halbhoch am langen Hoffenheimer Torhüter Tom Starke vorbei in die linke Ecke. Man ahnt, warum Markus Babbel unbedingt Tim Wiese wollte. Herthas Manager Michael Preetz beißt zum Jubel kurz die Lippen zusammen.

Köln, 15:49 Uhr: Stille. Verzweifelte Stille.

Berlin, 15:55 Uhr: Erste Chance für Hoffenheim. Boris Vukcevic zwirbelt einen Eckball von Sejad Salihovic einen Meter neben den linken Pfosten.

Köln, 15:56 Uhr: Trainer Frank Schaefer steht auf und gestikuliert weit in Richtung Kölner Tor. Seine Spieler kommen kaum noch über die Mittellinie.

Berlin, 15:58 Uhr: Es wird ruhiger im Olympiastadion, auf dem Rasen, aber auch in der Ostkurve. Hoffenheim wird stärker. Fanol Perdedaj setzt ein Zeichen und senst an der Seitenlinie Sven Schipplock um. Das gibt die Gelbe Karte, aber jetzt ist die Ostkurve wieder da.

Köln, 16:01 Uhr: Das Kölner Trikot mit der Nummer 10 wird im Münchner Strafraum gesehen. Podolski hat die Chance zur Führung auf dem Fuß und... vergibt.

Berlin, 16:04 Uhr: Hoffenheim drängt weiter. Ryan Babel schießt nach seinem Sololauf knapp daneben

Berlin, 16:07 Uhr: Ganz große Chance zum Ausgleich. Nach schönem Zuspiel von Salihovic ist Schipplock schon an Thomas Kraft vorbei, aber er gerät ins Straucheln, Hubnik kann ihm den Ball noch vom Fuß spitzeln.

Köln, 16:08 Uhr: Thomas Müller trifft zum 1:0 für die Bayern. Aus Nahdistanz nach Vorarbeit von Franck Ribéry. Es wird immer stiller im Stadion.

Berlin, 16:09 Uhr: Die Ostkurve jubelt, scheinbar aus dem Nichts heraus, aber natürlich hat sich der Münchner Führungstreffer längst herumgesprochen. Der Videowürfel aber ignoriert erst einmal alles, was in Köln passiert.

Berlin, 16:12 Uhr: Schon wieder Hoffenheim. Kraft lenkt Jannik Vestergaards Kopfball mit den Fingerspitzen über die Latte. Gleich danach erbarmt sich der Videowürfel und blendet die Münchner Führung ein. Jetzt jubelt es auch im Westen, Süden und Norden des Stadions.

Köln, 16:13 Uhr: Die Kölner wirken müde. Christoph Eichner fasst sich nach einem Sprint in die Hüften, Kevin McKenna pumpt nach Abwehraktionen.

Berlin,16:16 Uhr: Herthas Chancen steigen, weil der Hoffenheimer Babel in die Beine von Niemeyer stürzt und dafür von Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer Gelb sieht. Weil Babel dann auch noch mit Lewan Kobiaschwili aneinandergerät, fliegt er mit Gelb-Rot vom Platz. Minutenlange Tumulte. Rehhagel geht auf Nummer sicher und holt den ebenfalls gelb-rot-gefährdeten Perdedaj vom Platz. Für ihn kommt Ronny.

Berlin, 16:21 Uhr: In der Nachspielzeit fast das 2:0. Patrick Ebert spielt sich links durch und passt in die Mitte, wo Pierre-Michel Lasogga vor dem leeren Tor steht – und am Ball vorbei grätscht. Vergeblich moniert er ein Foul des Hoffenheimers Marvin Compper. Das Publikum verzichtet gnädig auf Protestpfiffe und feiert die Halbzeitpause durch.

Köln, 16:35 Uhr: In der Südkurve hängt ein Transparent: „Poldi mat et jot. Wenn wir könnten, würden wir auch gehen!“

Berlin, 16:38 Uhr: Elf Herthaner spielen so dominant wie lange nicht mehr. Aber es springt wenig dabei heraus.

Köln, 16:44 Uhr: Der FC drückt, er kommt durch Sascha Riether und Slawomir Peszko zu Chancen und trifft auch. Ins eigene Tor. Misan Brecko wird von Franck Ribéry angeschossen. Drei Minute später legt Arjen Robben das 3:0 nach. Die ersten Zuschauer gehen.

Köln, 16:48 Uhr: Novakovic verkürzt auf 1:3. Verhaltener Jubel.

Berlin, 16:52 Uhr: Lasogga knickt um und wird vom Platz getragen. Kreuzbandriss! Für ihn kommt der zuletzt unterirdische Adrian Ramos, aber das Publikum ist so berauscht, dass es ihn geradezu liebevoll empfängt. Von Hoffenheim kommt gar nichts mehr.

Köln, 17:00 Uhr: Die Kölner Fans haken die Saison ab und debattieren die neue. Ein seltsames Gerücht verbreitet sich auf den Tribünen: Mike Büskens soll als Trainer aus Fürth kommen, dort soll ihn Augsburgs Jos Luhukay ersetzen. Wütende Fans wollen den Innenraum entern. Vor der Südtribüne ziehen Polizei und Ordnungskräfte auf.

Berlin, 17:09 Uhr: Ramos mit seiner besten Szene im Jahr 2012. Ben-Hatira schnippt nach seinem Flankenlauf zum 2:0 ins leere Tor. Jetzt jubelt auch der zuvor so defensive Rehhagel. Das war’s! Oder…?

Köln, 17:11 Uhr: Die Bayern haben nur noch eines im Sinn, nämlich Mario Gomez in Position für die Torjägerkanone zu bringen. Klappt nicht. Dafür schießt Müller noch ein Tor. 4:1.

Berlin, 17:16 Uhr: Zehn Hoffenheimer verkürzen durch Marvin Compper auf 1:2. Entsetztes Schweigen in der Ostkurve.

Köln, 17:21 Uhr: Ende, 1:4. Das Stadion ist halbleer. Zu spät hat sich das Hoffenheimer Anschlusstor herumgesprochen.

Berlin, 17:22 Uhr: Zwei Minuten Nachspielzeit. Alle Hoffenheimer versammeln sich im Berliner Strafraum. Kraft lenkt Braafheids Flanke vor seinem zum Kopfball bereiten Kollegen Starke zur Ecke. Raffael fängt den Ball ab, er spurtet am linken Flügel über den halben Platz und trifft ins leere Tor. 3:1. Schlusspfiff. Die Stadionregie spielt „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, ein wenig später schunkelt die Ostkurve zu den berühmten sieben Takten von „Seven Nation Army“.

Köln, 17:25 Uhr: Die Fans zeigen ein neues Transparent: „Wir trauern um den 1. FC Köln!“ Rauchbomben detonieren, die Spieler flüchten in die Kabinen.

Berlin, 17:33 Uhr: Das Schlusswort hat Änis Ben-Hatira. Der Doppeltorschütze krächzt via Mikrofon irgendetwas in Richtung Ostkurve, es ist kaum zu verstehen, bis auf das Schlussstakkato: „Hahohe! Hertha BSC!“

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