Sport : Zitternde Meisterhände

Helen Ruwald

Die Mannschaftsaufstellung des Deutschen Meisters im Spiel gegen den ewigen Rivalen Bayer Leverkusen stammte zwar nicht aus guten, aber doch aus besseren Zeiten. Aufgelistet mit der Nummer zehn war - George Zidek. Was insofern bemerkenswert ist, als der tschechische Center von Alba Berlin seit fünf Wochen keinen Ball mehr angefasst hat, seit er sich gegen Treviso eine Handverletzung zuzog. Seither verlor Alba drei von vier Bundesligaspielen. Nur beim Aufsteiger Tübingen gelang ein mühsamer Sieg (92:89), in Bamberg, gegen Köln und am Sonntag gegen Leverkusen steckten die Berliner Niederlagen ein.

Das Trikot mit der Nummer zehn trug gegen Leverkusen erstmals wieder Dejan Koturovic. Alba hatte ihn rausgeworfen und nach Zideks Ausfall letzte Woche zurückgeholt. Dass Koturovic auf der Mannschaftsaufstellung für die Journalisten nicht auftauchte, hatte Symbolcharakter: Der Jugoslawe, seit fünf Monaten ohne Spielpraxis, spielte erwartungsgemäß unauffällig. So eben, als wäre er gar nicht vorhanden. Drei Punkte, drei Rebounds, drei Fouls und vier Ballverluste waren seine Neun-Minuten-Bilanz. Koturovic war maßlos enttäuscht: "Dass es so schlecht laufen würde, hatte ich nicht erwartet. Ich habe mich seltsam gefühlt. Ich hatte kein Gefühl für den Ball und für die Würfe."

Damit stand er nicht allein. Manche seiner Kollegen waren zwar nicht außer Form, hatten aber ein zitterndes Händchen - bei Freiwürfen in entscheidenden Situationen. Eineinhalb Minuten vor dem Ende verkürzt Marko Pesic auf 69:70, anschließend tritt er zum Freiwurf an. Doch der Nationalspieler vergibt die Chance zum Ausgleich. Stattdessen bringt Leverkusens Darnell Mee sein Team 72:69 in Führung - durch zwei Freiwürfe. Noch 49 Sekunden. Zwei Freiwürfe für Wendell Alexis, den 37-jährigen Routinier. Er verwirft ein Mal, er verwirft noch ein Mal. Für Alba ist das 72:77 die vierte Niederlage im zehnten Bundesligaspiel, in der Saison 2000/2001 waren es zwei in 36 Spielen.

Souveränität und Siegermentalität sind abhanden gekommen. Spiele, die Alba in der vergangenen Saison in letzter Sekunde gewann, gehen jetzt verloren, wie in Trier. Pech ist dabei, aber nicht nur Pech. "Fünf Jahre haben wir fast nur gewonnen. Die Situation ist neu für uns. Uns fehlt das Selbstvertrauen", sagt Pesic, "wir holen neun Punkte Rückstand auf, und dann verwirft Alexis seine Freiwürfe."

Selbstzweifel befallen die vielen Nationalspieler auch "bei den Big Points. Statt sich über eine Chance zu freuen, haben die Spieler Angst, dass sie nicht treffen könnten", sagt Vizepräsident Marco Baldi. Und werfen erst gar nicht. Nur 55 Mal schossen die Berliner am Sonntag auf den Korb, Leverkusen 69 Mal. Immer wieder hat Alba Aussetzer, wie gegen Leverkusen im dritten Viertel (12:25). "Wir dürfen uns auf dem Spielfeld nicht ärgern und auf den Schiedsrichterpfiff warten, sondern müssen weiterspielen. Ärger stört die Konzentration", sagt Baldi. Weisheiten, die man gewöhnlich Kreisklassenspielern predigt. Und welche die Berliner natürlich kennen - aber derzeit nicht umsetzen können. In der Euroleague ist die Mannschaft Niederlagen gewohnt. In der Bundesliga nicht, nicht mehr. Pesic, Rödl, Öztürk und Lütcke spielten schon in Vor-Meisterzeiten für Alba und haben manche schwere Stunde miterlebt. Lange, lange ist es her. Und so hinterlässt die Erkenntnis, plötzlich auch von Durchschnittsteams schlagbar zu sein, Spuren. "Wir machen uns schon seit der Niederlage in Trier Mitte Oktober Sorgen", sagt Pesic. Mit 12:8 Punkten ist Alba nur Fünfter, zwei Punkte vor Gießen, Hagen und Bamberg. Die Mannschaft kämpft, gegen Leverkusen war sie einem Sieg nahe. Und verlor doch. "Es fehlt immer nur ein bisschen, ein Mosaikstein. Aber das wird kommen. Wir müssen ruhig bleiben", sagt Pesic und macht sich selbst Mut. Wenigstens ist die Verletzung von Henrik Rödl nicht so schwer wie befürchtet. Er zog sich eine Schienbeinprellung zu, keine Meniskusverletzung. Sein Einsatz morgen in der Euroleague gegen Charleroi ist ungewiss. Die Polypenoperation von Derrick Phelps findet erst nach Weihnachten statt. Aber einfach wird es für Alba auch mit den beiden nicht.

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