Sport : Zitterpartie mit Happy End

FRANK BACHNER

Unter großem Druck reicht es für Annika Walter in Sevilla zu SilberVON FRANK BACHNER SEVILLA. Monika Dietrich hat es sofort bemerkt.Natürlich, wer sonst? Sie ist die Trainerin, sie kennt Annika Walter in- und auswendig.Und so hat sie schon vor dem ersten Sprung vom Turm gespürt, "daß Annika nicht so gut drauf ist, wie sie sein sollte".Reine Gefühlssache.Es reichte für die Rostockerin trotzdem zu Silber vom Turm.Anschließend war sie "zufrieden".Aber glücklich? Nein, "glücklich nicht".Zu viele eigene Fehler, zu sehr von Fehlern der Gegnerinnen profitiert, wie soll man da glücklich sein? Es war eine Zitterpartie mit Happy End? Und jetzt sucht Annika Walter, während sie unter einem Sonnenschirm hockt und geschmolzenes Schokoladeneis auf ihr Knie tropft, nach Ursachen.Die Hitze, sagt die 22jährige."Als ich minutenlang auf dem Sprungturm warten mußte, habe ich Probleme mit dem Kreislauf bekommen." Und was ist mit dem deutlich reduzierten Trainingsumfang wegen des Abiturs im Mai? "Habe ich tatsächlich weniger gemacht? Naja, wenn es Frau Dietrich sagt.Die muß es ja wissen." Klingt schon seltsam, daß ein Weltklasseathlet auf Anhieb nicht weiß, daß er weniger Sprünge als im Vorjahr gemacht hat.Aber gut, schlechtes Gefühl wegen Trainingsrückstands fällt angeblich als Begründung aus. Möglicherweise war es einfach so, daß der Druck, der auf ihr lastete, größer war als sie es zugibt oder empfunden hat.Olympia-Zweite, Playboy-Fotos, TV-Auftritte, sie stand natürlich unter Beobachtung.Hauptsächlich wegen ihr übertragen ARD und ZDF Wasserspringen live."Im Unterbewußtsein, klar, da habe ich was gespürt, aber ich habe den ganzen Druck eigentlich nach Möglichkeit abgeblockt." Hat sie nicht.Keinen öffentlichen Termin vor der EM hat sie abgesagt."Leider", fügt sie noch hinzu.Es ist unklar, ob sie das ironisch oder ehrlich gemeint hat.Auf jeden Fall ist sie zehn Mal vor Sevilla aufgetreten.Im Fernsehen oder bei anderen Terminen. Der Rummel um Annika Walter hat nur etwas nachgelassen.Und ein gewisses öffentliches Leben genießt Annika Walter durchaus.Sie schreibt eine Kolumne für eine Tageszeitungsbeilage, läßt sich fotografieren für ein Fitneß-Magazin, trägt Kleider eines Modeherstellers oder tritt auf der Hamburger Rennbahn in einem Jux-Wettbewerb an.So viel Aufmerksamkeit war sie als Wasserspringerin nicht gewohnt, außerdem hat sie bei solchen Auftritten stets das Gefühl, das richtige Bild abzugeben.Das Bild, das sie von sich selber hat.Annika Walter, der Mensch, der sich nicht verändert hat.Fast schon missionarisch versucht sie, das Bild zu bestätigen."Ich bin keine Maschine, deshalb kann ich auch mal verlieren.Ich habe schon in Atlanta gesagt, daß ich Glück hatte, und auch in Europa sind eigentlich drei, vier Gegnerinnen besser als ich." Aber sie verkündet ihre Botschaft zu intensiv, als daß dahinter nur Frust über ein paar schmerzhafte Bemerkungen über ihren angeblichen Reichtum und ihre angebliche Arroganz stecken können.Annika Walter wehrt sich instinktiv auch dagegen, daß sie unverändert, ein halbes Jahr nach ihrem Auftritt im Playboy, als erotische Figur gilt.So fühlte sie sich nie.Die Playboy-Fotos waren für sie nie etwas anderes als eine nette Abwechslung.Aber sie wird immer noch in eine falsche Rolle gepreßt.RTL wollte sie in transparenten Kleidern präsentieren, Anfragen nach erotischen Fotos laufen bei ihrer Agentur "Köster und Co" ein und werden "mit großer Lust" abgelehnt.Auch Bilder wie im Playboy "werde ich nicht mehr machen.Ich habe es ausprobiert, das reicht." Doch auch das Medienobjekt Walter hat seine Grenzen.Einen Sponsor hat sie bis jetzt noch nicht gefunden.Das erfreut sie offenkundig zwar nicht besonders, andererseits sieht sie es wieder ganz pragmatisch: "Ich wollte ja auch nie die große Werbemaus werden."

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