Sport : Zorn und Demut

Judith Arndt entschuldigt sich für ihren ungewöhnlichen Jubel über die Silbermedaille – der Radverband schweigt

Benedikt Voigt[Athen]

Am Sonntagabend im Deutschen Haus von Athen war nicht genau zu erkennen, wer nun eigentlich die Silbermedaille im olympischen Straßenradrennen gewonnen hatte: Judith Arndt, die an einem Seitentisch saß und Nudeln in sich hineinschaufelte. Oder Petra Roßner, die vor dem Podium stand, in zwei Fernsehkameras sprach und von einem Dutzend Journalisten umzingelt wurde. Gemeinsam war das Pärchen im Fernsehen aufgetreten, gemeinsam waren sie in das Deutsche Haus gekommen. Falls Judith Arndt vorhatte, beim Straßenradrennen der Frauen auf ihre Lebenspartnerin aufmerksam zu machen, dann ist es ihr ganz bestimmt gelungen.

Es scheint nicht ihre Absicht gewesen zu sein, dass sie im Ziel den erhobenen Mittelfinger den Fotografen entgegenreckte. Aber hinterher sagt sich das auch leichter. „Ich finde das nicht gut, was ich gemacht habe“, fand Judith Arndt also und stocherte in ihrer Pasta, „das kann passieren, aber es darf nicht passieren.“ Kurz vor der Ziellinie sei in ihr noch einmal die Wut darüber hochgekocht, dass der Bund Deutscher Radfahrer nicht ihre Freundin und Mannschaftskollegin für das Olympische Straßenrennen nominiert hatte.

„Man hat die Gefühle manchmal nicht unter Kontrolle“, sagte Judith Arndt, „aber Emotionen machen den Sport auch aus.“ Wütend hatte sie die Handschuhe auf den Asphalt geschmissen, dann machte sie die Geste, die sie unter anderem auf Seite eins der „Bild-Zeitung“ brachte: „Skandal-Olympia“, stand da dann geschrieben.

Nicht ganz so dramatisch sieht es das deutsche Nationale Olympische Komitee. Generalsekretär Bernhard Schwank missbilligte zwar die Aktion, doch der Sprecher des Olympiateams Peter Schmitt sagte: „Es gibt keine Strafe durch das NOK.“ Der Internationale Radsportverband hatte eine Strafe von 200 Schweizer Franzen verhängt. „Immerhin hat sie sich öffentlich entschuldigt“, sagte Schwank. Erst nach dem Einzelfahren am Mittwoch möchten sich auch die Verantwortlichen des Bundes Deutscher Radfahrer äußern.

Diese waren durch Petra Roßner angegriffen worden, die ihre Karriere am Ende dieser Saison beenden wird. „Wenn ich die Radsportpräsidentin sehe, die sich vielleicht zwei Rennen im Jahr ansieht, macht mich das sprachlos.“ Roßner meinte Sylvia Schenk.

Arndt glaubt, dass ihre Freundin ihr in dem Rennen hätte besser helfen können. Als Zuschauerin mit Funkverbindung zum Trainer und zu Judith Arndt leistete Roßner nur einen kleinen Beitrag. Ausgerechnet in jener Situation, als eine Plastiktüte sich im Vorderrad von Arndt verklemmt hatte, hatte der Bundestrainer die geheime Funkfrequenz zu seiner Fahrerin verstellt. Er konnte Roßner anfunken, die ihm die richtige Zahl durchsagte. Trotzdem war auch sie nach dem Rennen nicht zufrieden: „Dass ich nicht nominiert wurde, wird ein Dorn in meiner Karriere bleiben.“

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