Sport : Zu egoistisch

Holland könnte gegen Schottland an sich selbst scheitern

Stefan Hermanns

Clarence Seedorf murmelte ein paar Worte, als er das Mannschaftshotel betrat. Es war nicht genau zu verstehen, was er sagte, aber es hörte sich an wie: „Ich bin froh, wieder dabei zu sein.“ Drei Länderspiele hatte Seedorf, der 27 Jahre alte Mittelfeldspieler vom AC Mailand, zuletzt verpasst – aus disziplinarischen Gründen. Beim vorentscheidenden EM-Qualifikationsspiel der holländischen Fußball-Nationalmannschaft gegen Schottland (16 Uhr, live in der ARD) ist er heute wieder dabei. „In Gnade aufgenommen“, haben die holländischen Zeitungen am Anfang der Woche geschrieben. Doch am Wahrheitsgehalt dieser Version hat es immer schon Zweifel gegeben. Treffender ist wohl die Vermutung, dass es sich um einen „Kniefall von Bondscoach Advocaat“ gehandelt habe, wie die „Volkskrant“ berichtete.

Sicher ist, dass sich Dick Advocaat und Clarence Seedorf vor kurzem in Mailand getroffen haben. Das Ergebnis: Seedorf wird in Glasgow im zentralen Mittelfeld spielen, auf der Position also, die ihm am liebsten ist, und genau so, wie er es vor seiner Suspendierung im Sommer immer wieder gefordert hatte. Doch anstatt schon damals auf diesen Wunsch einzugehen, warf Advocaat Seedorf aus dem Kader, woraufhin der Mittelfeldspieler gesagt haben soll: „Oranje kann gar nicht ohne mich.“ So ähnlich denken vermutlich die meisten holländischen Nationalspieler. Und genau das ist das Problem.

Es gibt kaum ein Land in Europa, das über so viele überragende Fußballer verfügt wie Holland; aber es gibt auch kaum eine Mannschaft, die sich das Leben selbst so schwer macht. Um es positiv auszudrücken: Die holländischen Nationalspieler sind so starke Individuen, dass sie sich nur schwer dem Kollektiv unterordnen können. In Wirklichkeit aber handelt es sich um unverbesserliche Egoisten, die immer noch nicht verstanden haben, was für sie auf dem Spiel steht.

Wenn gegen Schottland auch noch die EM-Qualifikation verpasst wird, wäre das ein noch schlimmerer Unfall als das peinliche Fehlen bei der WM vor einem Jahr in Asien. Die EM in Portugal ist für die dritte goldene Generation des holländischen Fußballs nach den Mannschaften von 1974 und 1988 die letzte Möglichkeit, doch noch einen Titel zu holen. Von den 20 nominierten Spielern sind zehn älter als 30. Das Turnier in Portugal wird für viele von ihnen das letzte sein.

Lange sah es so aus, als sei den Spielern bewusst, worum es diesmal geht. Nach dem Aus in der WM-Qualifikation im September 2001 hatte die Mannschaft zwei Jahre lang kein Länderspiel mehr verloren – bis zum entscheidenden Gruppenspiel in Tschechien. Edgar Davids flog vom Platz, die Mannschaft unterlag 1:3, wurde Zweiter und muss nun gegen Schottland in die Nachschulung. Der zwischenzeitliche Aufschwung wurde vor allem dem neuen Bondscoach Dick Advocaat zugeschrieben. Der 56-Jährige schien den richtigen Umgang mit den schwierigen Stars gefunden zu haben. „Egoismus gehört nun mal dazu. Um ein Topspieler zu werden, muss man sogar egoistisch sein“, sagt Advocaat.

Doch die tieferen Probleme des holländischen Fußballs lassen sich nicht so leicht überspielen. Die Nationalmannschaft ist in der Abwehr zu schlecht besetzt. Deren Chef, Rekordnationalspieler Frank de Boer, wird längst in Frage gestellt. Im Mittelfeld fehlt eine Führungsperson. Und im Sturm hat Advocaat immer noch keine Idealbesetzung gefunden. Sollten die Holländer an Schottland scheitern, wäre der Trainer auch kein Trainer mehr. Advocaats Vertrag würde zum 1. Dezember aufgelöst werden.

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