Sport : Zu früh zu gut

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Von Martín E. Hiller

Berlin. Jeder, der ältere Geschwister hat, kennt den elterlichen Spruch: „Sei froh, dass du sie hast, die passen auf dich auf, und du kannst so viel von ihnen lernen.“ Oft ist das Nesthäkchen auch das bevorzugte Kind der Familie. Es wird verhätschelt und muss sich die Rechte der Heranwachsenden wie die erste Ausgeherlaubnis nicht eigens erkämpfen, kann vielmehr auf entsprechende Präzedenzfälle bei Bruder oder Schwester verweisen.

Serena Williams hätte also allen Grund, glücklich zu sein. Sie hat gleich vier ältere Schwestern. Ob sie von Lyndrea, Isha und Yetunde viel gelernt hat, sei dahin gestellt. Die zweitjüngste, Venus, hat dagegen Serenas Leben sehr stark beeinflusst. Wer weiß, ob sie mit fünf Jahren mit dem Tennisspielen angefangen hätte, wenn der Vater nicht immer mit der eineinhalb Jahre älteren Venus auf den Platz gefahren wäre. So ging sie den Weg der großen Schwester mit, lernte das Spiel ein Jahr nach Venus, wurde ein Jahr nach Venus Profi und holte ihren ersten Grand Prix-Titel ein Jahr nach Venus. Im selben Jahr, 1999, zog Serena allerdings das Tempo an. Sie gewann mit den US Open ihr erstes Grand Slam-Turnier – ein Jahr vor der großen Schwester. Es schien, als hätte sie genug familiären Rückenwind gehabt und könnte nun ihren Weg allein gehen.

Doch das Leben als kleine Schwester ist nicht nur ein leichtes. Der ehrgeizige und oft eigensinnige Vater hatte seine eigenen Pläne. Und die sahen eben vor, dass beide Geschwister finanziell und sportlich erfolgreich werden sollten. Dabei geht Richard Williams mitunter seltsame Wege. Als Serena einmal beim Turnier von Hampden Island antreten wollte, verbot es ihr der Vater, da Venus schon dort gemeldet hatte. In der Folge legte er die Turnierpläne der beiden so fest, dass sie nur aufeinander treffen, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt – etwa im Endspiel von Miami 1999, das an Venus ging. Jetzt lässt er Serena, die eigentlich gerne nach Hause gefahren wäre, in Berlin und Rom um Punkte kämpfen, während Venus schon wieder in den USA spielte. Richard Williams kümmert sich heutzutage fast ausschließlich um Venus, die Nummer eins der Welt.

Serena wird von ihrer Mutter begleitet. Oracene Williams ist eine auffällige Erscheinung. Mit drei Hunden sitzt sie auf dem Trainingsplatz an der Hundekehle und sieht ihrer jüngsten Tochter beim Aufschlagen zu. Die Halsbänder der Tiere sind ebenso aus Gold wie Frau Williams’ Zehenringe. Ihre Unterstützung beschränkt sich allerdings auf ihre Anwesenheit. Fachliche Tipps, wie sie möglicherweise vom Vater kämen, kann Oracene Williams ihrer Tochter Serena nicht geben.

Vielleicht ist dies ein Grund dafür, warum Venus es mittlerweile auf vier Grand-Slam-Titel bringt und Serena bei ihrem einen Erfolg stehen geblieben ist. Vielleicht hat sie mitunter auch das Gefühl, sie hätte mit dem ersten Triumph warten sollen, bis die große Schwester ein GrandSlam-Turnier gewinnt, um die Gunst des Vaters nicht zu verspielen. Es ist anders gekommen, und Serena hat nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Zumal ihre Woche in Berlin heute sehr erfolgreich enden könnte. Denn Serena Williams hat die Chance, zum ersten Mal in ihrer Karriere ein Sandplatz-Turnier zu gewinnen. Die Amerikanerin setzte sich im gestrigen Halbfinalspiel nach Startschwierigkeiten schließlich klar mit 6:3, 6:2 gegen Anna Smashnova durch. Damit war das Turnier für den Favoritenschreck aus Israel beendet.

Serena Williams hat immerhin schon jetzt besser abgeschnitten als ihre Schwester vor einem Jahr. Venus war nämlich bei dem Berliner Turnier 2001 in der Vorschlussrunde ausgeschieden.

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