ZU HAUSE In Südafrika : „Der Fußball machte meinen Geist frei“

Auf Robben Island saßen von 1961
Auf Robben Island saßen von 1961Foto: picture alliance / dpa

Zu Zeiten des Apartheid-Regimes war die Gefängnisinsel Robben Island berüchtigt, Nelson Mandela war hier zwei Jahrzehnte inhaftiert. Auch der Mathematiklehrer Sedick Isaacs kam als politischer Häftling auf die Insel. Zusammen mit anderen Insassen setzte er in zähen Verhandlungen das Recht auf Fußballspiele durch – gekickt wurde schließlich streng nach den Fifa-Statuten.

Herr Isaacs, Sie haben 13 Jahre auf Robben Island verbracht. Verlorene Jahre?

Nein. Für mich waren es Jahre des Wachsens und der Entwicklung. Ich begann, Musik zu verstehen und zu schätzen – von Mozart bis hin zu indischen Klängen. Ich habe mein Interesse an Physik und Mathematik vertieft und begonnen, mich für Wirtschaft, Soziologie und vor allem Psychologie zu interessieren. Ich machte einen Abschluss und begann, meine Mitgefangenen zu behandeln. Mein erstes Mathematiklehrbuch schrieb ich in Einzelhaft auf Toilettenpapier.

Viele Gefangene erwarben während der Haft Schulabschlüsse und akademische Titel. Wie war die Bildung hinter Gittern organisiert?

Wir gründeten ein Kollektiv, das erste der Insel. Ich war der Vorsitzende. Wir setzten uns zum Ziel, jeden Gefangenen zu alphabetisieren, und das haben wir geschafft.

Sie brauchten drei Jahre, um der Gefängnisbehörde das Recht auf Fußballspiele abzuringen. Wie erreichten Sie ein Umdenken?

Wir wurden immer als Feinde betrachtet, es hieß: „Was glaubt ihr, wo ihr seid, im Fünf-Sterne-Hotel? Ihr kämpft gegen die Regierung, also erwartet nichts von ihr.“ Für den Sinneswandel gab es zwei Gründe: einen etwas aufgeklärteren und menschlicheren Gefängniskommandeur und Besuche des Roten Kreuzes, bei denen auch die Sportfrage angesprochen wurde.

Sie haben im Gefängnis einen eigenen Fußballverband aufgebaut, mit verblüffender Präzision und Struktur, ja fast Pedanterie.

Die Strukturen waren sehr wichtig. Wir lebten in einer unnatürlichen und belastenden Umgebung und kamen aus der Protestpolitik. Daher mussten wir alles buchgetreu machen. Für Fußball war das einfach, da ich ein Büchlein mit dem Fifa-Regelwerk fand, das wir exakt umsetzten.

Sie selbst waren kein besonders guter Fußballer. Warum haben Sie sich trotzdem so sehr für das Spiel engagiert?

Wir hatten uns vorgenommen, alles gemeinsam zu tun, jeden bei allem einzubeziehen. Da war der Fußball keine Ausnahme. Als ich dann zum ersten Mal gegen einen Ball trat, machte das meinen Geist frei. Das war es, was mich am Fußball anzog.

Wie viele Häftlinge waren an den Fußballspielen beteiligt?

Wir spielten in drei Ligen. Alle 1500 Gefangenen waren beteiligt. Es gab zum Beispiel einen 75-jährigen Mann, den das Spiel absolut begeisterte. Er kickte wie ich in der Dritten Liga. Er kam vom Land, und bald wollte er auch lesen und schreiben lernen.

Seit 16 Jahren ist Südafrika eine Demokratie. Wie sehen Sie das Projekt „Regenbogennation“ heute?

Ich glaube, wir haben noch einen langen Weg vor uns. Den politischen Willen im Parlament geltend zu machen, ist nur der halbe Weg. Der andere Teil ist, der Armut mit großer Ernsthaftigkeit ins Auge zu sehen. Es besorgt mich, dass in den letzten 16 Jahren des Wohlstands der GINI-Koeffizient, der die Schere zwischen Arm und Reich misst, noch größer geworden ist. Ich verstehe auch nicht, wie Parlamentsabgeordnete in so viele zwielichtige Angelegenheiten geraten können.

Was sind Ihre Hoffnungen und Erwartungen für die Weltmeisterschaft?

Es ist für uns Südafrikaner sehr spannend, die Nationen der Welt willkommen zu heißen. Allerdings bin ich wegen der Kosten besorgt. Können wir uns das alles leisten? Es gibt Prognosen, nach denen wir auf Schulden sitzen bleiben werden.

Erwarten Sie positive Ergebnisse vom Turnier?

Ich wünsche mir, dass die Südafrikaner sich selbst besser sehen als sie es derzeit tun. Ich meine damit nicht, dass sie bessere Fußballspieler werden sollen. Unser Publikum sollte lernen, was es im Fußball zu beobachten gibt und was daran Freude bereitet. Darauf sollten wir schauen.

Das Gespräch führte Ralf Hermann.

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