Sport : Zu klein fürs große Ziel

Werder Bremen ist beim 0:2 in Barcelona ohne Chance und scheidet aus der Champions League aus

Frank Hellmann[Barcelona]

In gedeckt graue Klubanzüge hatte sich die Geschäftsführung von Werder Bremen zu diesem besonderen Ereignis gehüllt. Und akkurat dazu knallgrüne Krawatten gebunden. Es sollte ja alles passen an einem Tag, an dem das Gruppen-Endspiel der Champions League beim FC Barcelona anstand. Doch es dauerte keine 20 Minuten im imposanten und ausverkauften dreistöckigen Estadio Camp Nou, da herrschte bei den grau melierten Bremer Herren auf der Ehrentribüne Begräbnisstimmung. Vereinspräsident Klaus-Dieter Fischer schaute so grimmig, als habe er gerade einen verfaulten Hering verschluckt, Marketingchef Manfred Müller schlug die Hände vors Gesicht, Klubboss Jürgen Born war jeder Witz vergangen, während Sportdirektor Klaus Allofs unten an der Trainerbank eine merkwürdige Blässe erfasst hatte. Alles hatte sich der Bundesliga-Tabellenführer für diesen Abend vorstellen können, nur das nicht: Von Barcelona teilweise der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, teilweise eine Lektion zu erteilt bekommen. Mit 2:0 (2:0) siegte der Titelverteidiger am Ende und zog damit ins Achtelfinale ein.

Von der ersten Minute an berannte die Mannschaft von Frank Rijkaard mit spielerischer Leichtfüßigkeit das Werder-Tor. Die Vorentscheidung besorgte nach 13 Minuten der Weltfußballer persönlich, der noch am Vorabend bei einem Presse-Auftritt im Stile eines Hip-Hop-Sängers rätseln ließ, wie ernst Ronaldinho das Match nehmen würde. Die Antwort des 26-Jährigen: sehr ernst. Erst schindete Ronaldinho gegen den überforderten Pierre Womé einen Freistoß, um diesen persönlich flach zu verwandeln. Wobei ihm zupass kam, dass die gesamte Bremer Mauer in Erwartung eines Schlenzers hoch gesprungen war. Werder-Torwart Tim Wiese war chancenlos. Selbiger Umstand galt auch für das 2:0 fünf Minuten später: Ronaldinho passte auf den flinken Ludovic Giuly, Womé verschätzte sich, der Rest war für den freistehenden Isländer Eidur Gudjohnsen Formsache.

Und Werder? Die gewaltige Kulisse im vollen Riesenoval, der mediale Fokus auf das erhoffte „Wunder“ – all das löste rätselhafte Lähmungserscheinungen aus. Einzig Spielmacher Diego schien mit dem technischen Repertoire der Rijkaard-Elf mithalten zu können, der große Rest kam in erschreckender und beim 1:1 im Hinspiel nicht zu besichtigender Regelmäßigkeit einen Schritt zu spät. Bester Beleg die Szene in Minute 35, als Gudjohnsen halb Bremen austanzte, den Ball an den Pfosten setzte und Giuly völlig verdutzt den Abpraller vorbei schoss.

Gewiss: Werder tat in der zweiten Halbzeit mehr, gewann zeitweise Feldvorteile, vergab durch den fleißigen Miroslav Klose eine gute Chance, Tim Borowski schoss noch an die Latte. Doch eine Wende ließ der Gastgeber nicht zu.

Vielleicht war die Überlegenheit auch nur ein logisches Produkt davon, dass Barcelona den Bremern im Vorfeld höchsten Respekt gezollt hatte. Die spanischen Zeitungen überschlugen sich in Lobeshymnen für eine Mannschaft, die für Josep Guardiola, den zurückgetretenen Regisseur, den kulturellen Gegenentwurf zum gängigen Standard des deutschen Fußballs verkörpert. Und der aktuelle Kapitän Carlos Puyol beschwor vorher gar seine Landsleute, trotz des heutigen Nationalfeiertags nicht in die Ferien aufzubrechen. Das Gruppenfinale sei kaum weniger bedeutsam, als es das Champions-League-Endspiel im Mai in Paris war.

Jürgen Born, der mit Barca-Präsident Joan Laporta eine lockere Freundschaft pflegt, war trotzdem zufrieden: Werder werde im Dunstkreis der europäischen Eliteklubs nicht mehr als großer Kleiner, sondern als kleiner Großer wahrgenommen. „Vor anderthalb Jahren haben uns die Barca-Bosse belächelt“, betont Born, „jetzt haben sie uns richtig ernst genommen.“

Und: Den von Trainer Thomas Schaaf eingeforderten Entwicklungsschritt hat Werder in der Gesamtbetrachtung dieser Saison gemacht und zumindest in den Heimspielen demonstriert, mit den renommiertesten Teams der Welt mithalten zu können. Nun aber erfährt Bremens Europapokal-Saison 2006/2007 im Uefa-Cup eine Fortsetzung. Der Wettbewerb kann lang und mühselig werden: Im neuen Jahr sind noch 32 Teams dabei. Aber auch dort kann man übrigens schön und erfolgreich spielen. Und wahrscheinlich weiter kommen als in der Champions League.

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