Sport : Zu müde für Tiki-Taka

Nach vier epochalen und stilbildenden Jahren hört Josep Guardiola als Trainer des FC Barcelona auf.

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Berlin - Der Mann auf dem Foto liegt quer in der Luft. Seine Haare sind raspelkurz, ihr Ton kräftig braun. Im Gesicht sprießt ein ebenso brauner Drei-Tage-Bart, die Wangen sind rund und voll.

Der Mann auf dem Podest sitzt gerade auf einem Stuhl. Sein Kopf ist kahl, der Bart grau. Augenringe zieren sein Gesicht. Die Wangen sind eingefallen. Knochen stehen hervor. Er sieht schlecht aus. Kaum zu glauben, dass dieser Mann und der, der drei Jahre zuvor von seinen Spielern nach einem gewonnenen Champions-League-Finale in den Nachthimmel von Rom geworfen wurde, ein und dieselbe Person sind.

Josep Guardiola hat sich verändert, seit er im Sommer 2008 die erste Mannschaft des FC Barcelona übernommen hat. Nicht nur äußerlich. Auch seinen Antrieb hat er mit der Zeit verloren. Das sagt Guardiola, als er am Freitag erklärt, dass er seinen am 30. Juni auslaufenden Vertrag nicht verlängern wird. „Die Zeit nutzt alles ab. Vier Jahre bei Barça beanspruchen sehr. Für mich ist es wichtig, wieder aufzutanken.“ Nun will er eine Pause von unbestimmter Dauer einlegen. Sein Nachfolger wird Tito Vilanova, der bisher Co-Trainer unter Guardiola war und außerhalb Barcelonas nur dadurch Bekanntheit erlangte, weil ihm Real Madrids Trainer José Mourinho in der Schlussphase eines Spiels an der Seitenlinie mit dem Finger ins Auge stach.

Als Guardiola seine Entscheidung bekannt gab, wirkte er besonnen wie immer. Ruhig und gefasst sprach er zu den Journalisten. In der ersten Reihe saßen die Spieler. Ein Großteil des Teams war zur Pressekonferenz gekommen. Am Morgen hatte Guardiola der Mannschaft seine Entscheidung mitgeteilt. „Ich bin müde und mir fehlt die Kraft weiterzumachen. Adios Jungs, ich gehe“, soll er gesagt haben. Die vergangenen Tage, die Niederlage im eigenen Stadion gegen Real Madrid, das dramatische Aus in der Champions League gegen Chelsea, haben laut Guardiola bei seinem Entschluss keine Rolle gespielt. „Ich habe mich schon im Dezember entschieden aufzuhören, aber ich konnte es den Spielern da noch nicht sagen, weil wir noch in allen Wettbewerben vertreten waren. Jetzt, wo die Situation klar ist, ist der richtige Zeitpunkt gekommen.“

In der Stadt, im Klub und im Team hatten sie gehofft, dass Guardiola Trainer bleibt. Wenigstens für ein Jahr. 13 von 17 möglichen Titeln hat er seit seiner Berufung zum Cheftrainer gewonnen – so viele wie keiner vor ihm. „Wir werden dem besten Trainer in der Geschichte des Klubs ewig dankbar sein“, sagte Barcelonas Präsident Sandro Rosell. Kollegen zeigten Verständnis. „Einen europäischen Spitzenclub zu trainieren, ist Stress. Das kostet Substanz“, sagte Bayerns Trainer Jupp Heynckes.

Allein in seiner ersten Saison holte Guardiola alle sechs Titel, die möglich waren. Darunter die Champions League, die spanische Meisterschaft und den Weltpokal. Von da an konnte er nur noch verlieren. Und tat es doch nicht. Guardiola blieb seinen Prinzipien, die gleichzeitig die des FC Barcelonas sind, treu. Er ernannte den kurzen Pass zum einzig legitimen Stilmittel. Ballbesitz wurde das Fundament einer Philosophie, die das schöne Spiel über alles stellt. Tiki-Taka – so hatte er es einst in Barças Jugendakademie und später unter Johan Cruyff gelernt, so gab er es an die jetzige Generation weiter. Und zog immer wieder neue Talente in die erste Mannschaft hoch.

Über eine Dekade wurde Barcelonas Interpretation des Fußballs zum Richtwert dieser Sportart. Und zum Spektakel. Versuche, den Stil zu kopieren, gab und gibt es. Bisher ohne Erfolg.

Mit der Zeit aber wurden die Triumphe zur Last. Guardiola hatte immer mehr Mühe, die Erwartungshaltung zu dämpfen. Niederlagen wie gegen Chelsea und Real reichten schon, um eine Krise auszulösen. Dazu die Dauerfehde mit José Mourinho und sein in taktischer Hinsicht stetes Streben nach Perfektion – all das hat Josep Guardiola müde gemacht.

So sehr, dass er nicht mehr Trainer des FC Barcelona sein will. Oder nicht mehr sein kann.

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