Sport : Zu neuen Märkten

Die deutsche Nationalmannschaft reist nicht nur aus sportlichen Gründen nach Fernost

Martin Hägele[Tokio]

Der Übervater des japanischen Fußballs ist ein Deutscher. Dettmar Cramer, der kleine Fußball-Professor, der in der Bundesliga Bayern München, Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen trainiert hat und ansonsten auf der ganzen Welt zu Hause ist, stellte 1965 die Japan Soccer League (JSL) auf die Beine, eine Profiliga für die Betriebsmannschaften der großen Konzerne. Am Erfolg der 1993 gegründeten Nachfolgeorganisation J-League, die weltweit als Muster für professionelle Fußballentwicklung gilt, haben fast ein Dutzend Vertreter der Bundesliga mitgewirkt. Allerdings nicht unbedingt in herausragenden Funktionen.

Bei den Spielern (Pierre Littbarski, Uwe Rahn, Uwe Bein, Michael Rummenigge und Frank Ordenewitz) und Trainern (Werner Olk, Siegfried Held, Horst Köppel, Holger Osieck) drehte es sich oft nur um kurze Gastspiele; als einziger verschaffte sich Guido Buchwald richtig Zugang in die Herzen der Japaner. „Guido-san“ haben sie schon im Trikot der Urawa Red Diamonds geliebt. Die Zuneigung für den Weltmeister hat sich noch gesteigert – in seinem ersten Trainerjahr hat Buchwald den Meistertitel mit Japans populärster Mannschaft erst im Elfmeterschießen verpasst.

Angesichts solch langfristiger Beziehungen wundert es schon, dass die Partie der beiden A-Nationalmannschaften am Donnerstag eine Premiere ist – auch Yokohama ist ja ein Stück DFB-Geschichte. Dass Oliver Kahn und seine Kollegen zum ersten Länderspiel gegen Japan an den Ort des WM-Finales zurückkehren, hat nichts mit Nostalgie oder gar einer Erinnerungsreise der Vizeweltmeister zu tun, sondern mit Sportpolitik.

Die Weltmeisterschaft 2006 findet nämlich nur deshalb in Deutschland und nicht in Südafrika statt, weil die vier asiatischen Exekutivmitglieder geschlossen für den DFB gestimmt haben beim legendären 12:11 vom 4. Juli 2000 in Zürich. Ein überglücklicher Franz Beckenbauer hat damals zwei jener Wahlmänner, Chung Mong Joon aus Südkorea und Worawi Makudi aus Thailand, zum Dank spontan ein Gastspiel der Nationalelf zugesagt. Schon bald darauf begannen die Bundesliga-Manager zu grummeln über die strapaziöse Fernost-Tour während der Winterpause – sie war ja nicht einmal mit den Klubs abgestimmt worden.

Etliche Verantwortliche beim DFB plagte deshalb das schlechte Gewissen. Kaiserliche Präsente lassen sich nun mal unter keinen Umständen zurückziehen. Außerdem wären die alten Freunde aus Japan beleidigt gewesen, wenn die Deutschen auf ihrer ersten Asientour ausgerechnet Tokio links liegen gelassen hätten. Aus der Bredouille ihrer Gefühle sind die DFB-Granden im vergangenen Herbst durch einen Anruf vom FC Bayern München befreit worden. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge hatten kurz zuvor einen Vertrag mit der Adidas-Niederlassung von Japan geschlossen. Wie fast alle europäischen Topklubs möchten auch die Münchner auf den asiatischen Markt.

Mit den wirtschaftlichen Argumenten vom Branchenführer wurden Daten und Ziele der Reise umgeschrieben. Erste Priorität genießt jetzt Japan. Und dort werden nicht nur OK-Boss Franz Beckenbauer für sein WM-Turnier und Adidas-Chef Herbert Hainer für Fußballprodukte made in Germany werben. DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und DFL-Präsident Werner Hackmann wollen in Tokio über Partnerschaften und einen gemeinsamen Wettbewerb reden. Möglichst schon 2005. Das ist in Japan nämlich das Jahr der Deutschen.

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