Sport : Zu positiv denken

Helen Ruwald

Alles nutzt sich ab, auch Durchhalteparolen. "Wir haben keine Konstanz, mehrere Spieler sind nicht fit genug, um den Gegner unter Druck zu setzen. Aber das Team hat sich nicht aufgegeben, das ist positiv." Diese Sätze gehören, in geringen Variationen, zum Standard-Repertoire bei Alba Berlin. Sie werden bei der Analyse von Niederlagen herangezogen - momentan also sehr oft.

In diesem Fall stammen die Worte von Manager Carsten Kerner und galten der 79:86-Niederlage in der Euroleague bei Unicaja Malaga. Das war am Morgen nach der Fast-Demontage des Deutschen Basketballmeisters. Unmittelbar nach Spielschluss hatte er noch gesagt, "das ist für uns glimpflich ausgegangen. Nach dem Spielverlauf standen wir zeitweise am Rande eines Debakels." 27 Punkte Rückstand hatten die Berliner schon, ehe sie sich im letzten Viertel wieder herankämpften. Über Nacht verschob sich die Betrachtungsweise. Kerner räumte zwar große Probleme in der Verteidigung ein, lobte aber, dass Alba den Spaniern in der Schlussphase stark zugesetzt habe, "und Malaga war am Ende auch nicht schlechter, die haben mit der ersten Fünf durchgespielt". Neutrale Zuschauer hingegen wollten gesehen haben, dass Malaga nicht mehr bis an die Leistungsgrenze ging. Die kämpfenden, aber chancenlosen Berliner durften ein bisschen mitspielen.

Es scheint, als wollten bei Alba immer noch nicht alle wahrhaben, dass die in Deutschland bislang nahezu unschlagbare Mannschaft in der Krise steckt. Fehler werden zwar zugegeben, das Team auch hier und da kritisiert, aber am Ende folgt immer die gleiche Leier: der Verweis auf die - zweifellos vorhandenen - vielen Verletzten und die schlechte Vorbereitung. Das dürfe nicht als Alibi gelten, sagt Trainer Emir Mutapcic - und es wird doch dazu. Selbstverständlichkeiten wie Kampf bis zum Schluss werden gepriesen, die zweiwöchige Länderspielpause als Heilmittel beschworen. Danach, gegen Leverkusen, Charleroi, Frankfurt, Bonn, Tel Aviv und Piräus, wird es bis Weihnachten schon wieder laufen. Motto: Alles wird gut.

Oder auch nicht. Von 14 Saisonspielen gingen sieben verloren, drei in der Bundesliga, vier in der Euroleague. Auswärts steht fünf Niederlagen nur ein Sieg in Würzburg gegenüber. In Trier und Bamberg verlor der Tabellenfünfte der Bundesliga ebenso wie in Tel Aviv, Istanbul und Malaga. Dort gewann diese Saison noch kein Team. Das Erschreckende an Malaga war nicht die Niederlage, sondern die Chancenlosigkeit der Berliner, die von dem durchaus akzeptablen Resultat übertüncht wird.

Müde Beine und fehlendes Selbstbewusstsein sind das eine, Probleme unter dem Korb das andere. Dort fehlt nach der Verletzung von George Zidek ein langer Mann, ein Center. Malagas Frederic Weis war nicht nur zehn Zentimeter länger als Teoman Öztürk, sondern auch deutlich stärker. Auch wenn Kerner sagt, "es war ein Problem des ganzen Teams, das ist nicht auf eine Position zu reduzieren". Marko Pesic wird deutlicher. "Wenn wir von der EM-Qualifikation zurückkommen, hat der Verein hoffentlich gehandelt", sagte der Nationalspieler. Und konnte damit nur die Verpflichtung eines neuen Centers meinen. Öztürk und Papic spielen nicht konstant und souverän genug, Alexis ist als Forward, der auf ungewohnter Postion aushelfen muss, keine Dauerlösung. Gegen Wroclaw reichte eine starke Teamleistung in der Abwehr - aber dazu ist Alba nur ab und zu fähig. Zu wenig für eine Mannschaft, für die nur der Meistertitel zählt. "Vielleicht tut sich nächste Woche etwas", hatte Vizepräsident Marco Baldi zu Wochenbeginn gesagt. Ungefragt, was für eine Neuverpflichtung spricht.

Heute in Tübingen muss Alba noch mit dem vorhandenen Personal auskommen. Vor einem Jahr warf der damalige Zweitligist Alba aus dem Pokal. Mit einer erneuten Niederlage würden die Berliner sich einer Rekordmarke nähern. Die meisten Bundesliga-Niederlagen in Folge, vier, steckte Alba zwichen April und September 1992 ein, verteilt auf zwei Spielzeiten. Eine Pleite in Tübingen wäre die dritte in Folge - in einer Saison.

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