Sport : Zu viel Gefühl

Stefan Hermanns

Man kann die ganze Sache natürlich auch betont nüchtern betrachten: Die Fußball-Bundesliga ist ein Wettbewerb für 18 Mannschaften, in dem jeder gegen jeden spielt – und am Ende wird Deutscher Meister, wer nach 34 Spieltagen die meisten Punkte gewonnen hat. Man kann es aber auch gewohnt emotional sehen: Die Fußball-Bundesliga ist ein Wettbewerb für 18 Mannschaften, an dessen Ende Schalke nie! nie! nie! oben steht. Wie soll man auch das Unerklärliche erklären und verstehen, was dem Verein und seinen Anhängern nun zum wiederholten Male widerfährt?

Dass der S04 wohl wieder nicht Meister wird, ist wahlweise ein Fluch, eine böse Laune des Fußballgottes, zumindest aber eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die Schalker, ohnehin mit einem Hang zum Übersinnlichen ausgestattet, sind besonders anfällig für solche Deutungen. Das Problem ist nicht, dass Schalke zu wenig Gefühl hat, sondern eher zu viel. Aber gerade das macht die Angelegenheit so kompliziert: Ohne Gefühl wäre Schalke nicht mehr Schalke, sondern nichts anderes als ein zweiter MSV Duisburg. Das Leiden ist Teil des eigenen Selbstverständnisses, und manchmal lenkt es wunderbar von der eigenen Verantwortung ab.

Gerade in dieser Saison aber kann man dem Verein nicht den Versuch absprechen, sich zu wandeln – ohne sich zu verändern. Andreas Müller, der Manager, steht für stille Seriosität, Trainer Mirko Slomka hat die Mannschaft auf eine angenehm zurückhaltende und erstaunlich moderne Art geführt. Und trotzdem haben Müller und Slomka in der entscheidenden Frage immer wieder die Fantasie der Fans befeuert. Beide haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie Meister werden wollen und Meister werden können. Das heißt aber lange noch nicht, dass sie auch Meister werden müssen. Vielleicht gibt es eine Mannschaft, die auf die Dauer von 34 Spieltagen einfach die bessere war. Die Schalker sollten das nicht persönlich nehmen.

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