Sport : Zu viel gewollt

Hertha schießt keine Tore – und verkrampft unter dem eigenen Anspruch, die Champions League zu erreichen

André Görke,Klaus Rocca

Von André Görke

und Klaus Rocca

Berlin. Lange nach dem Abpfiff kam es im VIP-Raum des Olympiastadions zu Gesprächen mit den Spielern, und irgendwann war auch die Antwort auf die knifflige Frage gefunden, warum Herthas Stürmer Fredi Bobic auch am dritten Spieltag nicht ins Tor traf. Das habe etwas mit der „Bild“-Zeitung zu tun: Die hatte nämlich in der vergangenen Woche ein Wettspiel organisiert, bei dem ein glücklicher Leser ein Abendessen mit Herthas erstem Torschützen gewinnen kann. Jetzt haben alle den Salat, hieß es in der Begründung: Der Fredi will nicht mit einem „Bild“-Leser essen, die Zeitung muss die Serie fortsetzen. Und mittendrin steckt Hertha BSC. Ohne Torerfolg.

Warum der Berliner Bundesligist auch am Samstag gegen den SC Freiburg nicht über ein 0:0 hinauskam, kann Trainer Huub Stevens zwar erklären („Weil wir die Chancen nicht verwertet haben“), er versteht es aber nicht. „Ich kann die Tore nicht machen, ich stehe nicht auf dem Platz.“ Intern wird aber auch gesagt: Die Mannschaft habe sich keinen Gefallen getan, im Trainingslager in Österreich das Erreichen der Champions League öffentlich als Ziel für diese Saison zu nennen. Damals, vor einem Monat, wirkten die Aussagen frisch und mutig – heute überheblich und unangemessen. Der befürchtete, nämlich entgegengesetzte Effekt ist eingetreten. Und die Mannschaft scheint unter diesem Druck zu verkrampfen.

Die Herthaner werden jetzt vorsichtiger. Als im Olympiastadion das Spiel beendet war und die Spieler in die Kabine gingen, sagten sie kein Wort. Sie wollen erst auslaufen und duschen, dann könne man über das Spiel reden. Als es nach einer Dreiviertelstunde so weit war, lauteten die Kommentare so: „Wir dürfen die Köpfe nicht hängen lassen“ (Pal Dardai). Und: „Die Köpfe hängen zu lassen – das bringt nichts“ (Niko Kovac). Oder: „Kopf hoch, es muss ja weitergehen“ (Nando Rafael).

Das wirkt irgendwie hilflos. So, wie die Mannschaft auch auf dem Spielfeld wirkte. Da wollte keiner allzu lange den Ball behalten, weil er Angst davor zu haben schien, einen Fehler zu machen. Also spielte man den risikolosen Kurzpass oder schlug die Alibi-Flanke hoch vors Tor. Jeder spürte nach spätestens einer Stunde, als die ersten von „sieben hundertprozentigen Chancen“ (Manager Dieter Hoeneß) mehr oder wenig kläglich vergeben worden waren, dass jeder Fehler vom zuvor so erwartungsfrohen und nun enttäuschten Publikum mit Pfiffen bedacht werden würden.

In solch einer verfahrenen Situation bedarf es einer oder mehrerer Persönlichkeiten, die mit ihrer Leistung Vorbildfunktion haben und ihre Kollegen mitreißen. Mannschaftskapitän Dick van Burik könnte es sein, doch er ist es nicht. Fredi Bobic war dazu auserkoren, doch er ist derzeit mit sich und seiner Erfolglosigkeit selbst zu sehr beschäftigt, als dass er anderen beistehen könnte, schwindendes Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Auch Niko Kovac ist nicht der Typ, der die anderen mitreißen kann. Dabei hatte man ihnen allen, vielleicht noch dem nun wegen seines Fußbruchs nur zuschauenden Marcelinho, zugetraut, Führungsqualitäten zu entwickeln.

Dem selbst auferlegten Druck standzuhalten, fällt offenbar allen schwer. „Natürlich verspüren alle Druck, aber den kann ihnen niemand abnehmen. Da müssen sie selbst durch“, sagt Hoeneß. „Aber der Kader ist stark. Eine Bilanz ziehe ich ohnehin erst nach der Halbserie.“

Beide, Hoeneß und Stevens, verweisen darauf, dass man immerhin viele Torchancen herausgespielt habe. Das sei doch schon ein großer Fortschritt gegenüber dem Spiel gegen Bremen. Von fehlenden Toren spricht man derzeit bei Hertha. Dass auch das spielerische Moment zu kurz kommt, geht dabei fast unter. „Über die Tore kommen wir auch zu einem besseren Spiel“, sagt Hoeneß. Nur fallen müssen sie, die Tore.

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