Sport : Zu wenig Kämpfer im Abstiegskampf

Herthas Mannschaft reagiert mit Resignation und offenbart damit in der Krise ein substanzielles Problem.

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Verstecken geht nicht. Pierre-Michel Lasogga und seine Mitspieler von Hertha bäumten sich in Augsburg zu selten auf. Foto: dpa
Verstecken geht nicht. Pierre-Michel Lasogga und seine Mitspieler von Hertha bäumten sich in Augsburg zu selten auf. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Abstiegskampf ist Kampf, sagt Otto Rehhagel. Ein Kampf, den eine Mannschaft auch annehmen müsse, findet Herthas Trainer. Nach dem Debakel zum Debüt von Rehhagel, dem 0:3 von Augsburg, müsse nun jeder Spieler begriffen haben, dass Kämpfen angesagt sei. Aber kann Hertha überhaupt kämpfen?

Abstiegskampf ist bislang mehr Abstiegskrampf bei den Berlinern. In Augsburg fehlte der Mannschaft die vom Trainer geforderte Leidenschaft, womit sich die Frage nach der Niederlage für Rehhagel von selbst beantwortete: „Wir haben zu viele Zweikämpfe verloren.“ Es entsteht der Eindruck, als wollten Herthas Spieler den Abstiegskampf innerlich nicht annehmen. Ein Grund mag sein, dass es dafür in der mit 20 Punkten erfolgreichen Hinrunde keinen Grund gab. Noch nach der ersten Niederlage zum Auftakt der Rückrunde in Nürnberg war allgemeine Überzeugung, dass die Mannschaft Bundesligareife hat.

Die Frage danach ist aktueller denn je. Zumal Hertha alle – negative – Erfahrung aus einem Abstiegskampf nicht zu helfen scheint: In Patrick Ebert, Raffael, Adrian Ramos, Christoph Janker und Lewan Kobiaschwili standen in Augsburg fünf Profis auf dem Platz, mit denen Hertha sein letztes Bundesligaspiel in der Abstiegssaison betritten hat. Zu dieser Gruppe gehört auch noch Fabian Lustenberger, der am Samstag verletzt fehlte. Von diesen Spielern ist zuletzt keiner aufgrund großer kämpferischer Leistungen aufgefallen. Gemeinsam scheinen sie nicht nur Spiele, sondern auch den Mut zu verlieren.

Also müssen andere bei Hertha die Last der Verantwortung für eine Wende mit sich herumschleppen, etwa Peter Niemeyer, als bekannt kampfstarker Spieler. „Leider habe ich noch nie einen Abstiegskampf mitgemacht“, sagt der ehemalige Bremer. „Was ich gehört habe, kommt es auf die Nuancen an.“ Die scheinen bei Hertha aber nicht zu stimmen. Offensichtlich gilt es daran zu arbeiten, dass sich die Mannschaft nicht zu schnell aufgibt. Rehhagels Vorgänger Markus Babbel hat einmal gesagt, dass es wichtig sei, wie eine Mannschaft nach einem Gegentor reagiert. Bei Hertha ließen die Spieler nach dem ersten Augsburger Treffer die Schultern hängen. Simple Körpersprache, die den Gegner einlädt. Als die Berliner Spieler den Rückschlag noch nicht verdaut hatten, fiel schon das 0:2. Dabei wäre ja nach dem ersten Gegentor noch eine halbe Stunde Zeit gewesen für einen Ausgleichstreffer. Doch den schießt nur, wer sich aufbäumt und nicht verkrampft. „Die Verkrampfung spielt schon eine Rolle“, sagt Verteidiger Christoph Janker. „Es ist signifikant, dass wir nach einem Rückschlag den Faden verlieren.“

Unter Babbel hatte die Mannschaft das Problem noch nicht. Da hatte sie ihre Comebacks, schaffte in Hamburg nach zweimaligem Rückstand ein 2:2 oder schoss in Hannover in der Endphase das 1:1. Aber mit den Toren ist das bei Hertha 2012 ohnehin ein Dilemma. 1:14 lautet die Trefferbilanz in sechs sieglosen Punktspielen. „Wir haben eindeutig ein Problem damit, ein Tor zu schießen“, sagt Rehhagel. Zwei, drei Chancen seien in Augsburg ja da gewesen. Aber drei mal drei sei neun und nicht elf. Mögen auch Rehhagels Witzchen nach acht Tagen in Berlin aufgrund inflationären Einsatzes an Wirkung einbüßen, so hat der Trainer doch den Blick für das Wesentliche. „Wir müssen herausfinden, wie wir in den 90 Minuten eine Entscheidung herbeiführen können“, spricht er.

An der Abschlussschwäche wird Rehhagel erst ab Dienstag arbeiten. Heute haben die Profis frei. Danach will der Trainer sie mental gestärkt empfangen. Wenn er sich da nicht vertut. Gestern sagte er, seine Spieler hätten schlecht geschlafen. Darauf angesprochen gab der von ihm in Augsburg überraschend ausgewechselte Peter Niemeyer zum Besten: „Wenn der Trainer sagt, wir haben schlecht geschlafen, dann ist das Gesetz.“ Das hört sich nach ersten atmosphärischen Störungen im Verhältnis Trainer und Spieler an. Niemeyer hat zumindest nicht das Problem, dass er um seine Berücksichtigung für das Spiel gegen Bremen Gedanken fürchten muss. Er ist nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt. Noch ein Problem für Hertha, denn damit fehlt dem Klub sein größter Kämpfer.

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