Sport : Zu zweit allein

Warum Witali und Wladimir Klitschko sich von ihrem langjährigen Promoter Kohl trennen

Michael Rosentritt

Berlin - Als Kind sah Witali Klitschko gern die Märchenstunde. Einmal krabbelte dabei sein kleiner Bruder Wladimir auf den Fernseher und pinkelte runter, genau in eine Steckdose. „Kurzschluss, Fernseher kaputt.“ Am Abend bekam Witali vom Vater einen Klaps. „Wieso ich? Gepinkelt hat doch er?“, fragte der große Bruder und erntete nur einen strengen Blick. Seine Mutter sagte zu ihm: „Wowa ist so klein. Und du bist so groß. Also pass gut auf ihn auf.“

Der Aufpasser ist er bis heute geblieben. Witali Klitschko, 33 Jahre alt und Boxweltmeister im Schwergewicht, ist bis heute der Kopf des boxenden Duos. Was er sagt, wird gemacht. Und das ist jetzt dem langjährigen Promoter der beiden, Klaus-Peter Kohl, zum Verhängnis geworden. Witali hat gesagt, dass sie nicht mehr für Kohl und dessen Hamburger Universum Box-Promotion in den Ring steigen werden.

Im vorigen Dezember hatten die Klitschkos in Hamburg eine Feststellungsklage eingereicht. Sie wollten geklärt haben, dass ihr Beschäftigungsverhältnis mit Kohl nur bis zum 30. April diesen Jahres dauert. Kohl war bisher davon ausgegangen, dass sich der Vertrag um die Dauer von Ausfallzeiten (Verletzungen, Krankheiten) verlängert. Vorigen Donnerstag verkündete der Richter, dass die Verträge „zum 30. April 2004 ein Ende gefunden haben könnten“. Der Beschluss ist kein Urteil, doch ein deutlicher Hinweis auf die Tendenz im weiteren Prozessverlauf.

In den Klitschkos verliert Kohl die in Deutschland beliebtesten und ertragreichsten Boxer der vergangenen Jahre. Wie viele Millionen beide tatsächlich erboxt haben, weiß niemand so genau. Als Kohl aber in Anwesenheit der Brüder vor dem Gericht aussagte, er habe beiden Boxern „30 Millionen mehr gezahlt, als ich ihnen hätte geben müssen“, kam kein Widerspruch von den Klitschkos.

Nach den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta hatte Kohl die beiden ukrainischen Amateure unter Vertrag genommen und dabei den skurrilen Boxzaren Don King ausgebootet. Kohl bot einen behutsamen Aufbau in Europa. Wladimir war der erste weiße Schwergewichtsolympiasieger seit über 30 Jahren. Man traute ihm zu, dank seines Talents das Schwergewicht auf Jahre hinweg zu beherrschen. Mit den Klitschkos wuchs Kohl. Bis dahin war Dariusz Michalczewski der Star bei Universum. Der gebürtige Pole wurde 1994 Weltmeister, dafür von den Menschen respektiert, aber nicht geliebt. Die Klitschkos wurden die Adoptivsöhne des deutschen Profiboxens. Während dem eingebürgerten Michalczewski vorgeworfen wurde, er spreche schlecht Deutsch, raunten sich die Menschen nach Fernseh-Interviews mit den nicht minder radebrechenden Klitschkos zu: „Für Ukrainer sprechen die beiden sehr gut Deutsch.“

Die Verpflichtung der Klitschkos machten aus dem Hinterhof-Gym des Hamburger Stadtteils Wandsbek ein florierendes Geschäft. Im Juni 1999 schlug Witali in London den Briten Herbie Hide und wurde das erste Mal Weltmeister. Den Titel verlor er im April 2000 in Berlin an Chris Byrd (USA). Das amerikanische Fernsehen verspottete Witali als „Weich-Ei“, obwohl er mit einer angerissenen Sehne in der Schulter in den Kampf gegangen war. Ein halbes Jahr später rächte Wladimir seinen Bruder und holte sich von Byrd den WM-Titel zurück. Zuvor hatte „Wowa“ schon den deutschen Darling Axel Schulz von den Beinen geholt. Die Klitschkos waren reif für große Kämpfe und große Gagen in den USA, dem weltweit wichtigsten Boxmarkt. Kohl finanzierte Englischkurse in New York. Der Neid unter den Boxkollegen wuchs. Michalczewski polterte: „Ohne mich gäbe es die Klitschkos gar nicht.“

Der Höhepunkt der Karriereplanung war im Juni 2003 erreicht, als Witali in Los Angeles gegen den britischen Überweltmeister Lennox Lewis boxte. Als Klitschko bei Halbzeit mit zwei klaffenden Gesichtswunden aus dem Kampf genommen wurde, lag er auf den Punktzetteln vorn. Dieser mutige Auftritt brachte Klitschko weltweite Beachtung und Sympathie ein. Anschließend gründeten die Klitschkos in den USA ihre eigene Firma „K 2 Promotion“. „Es haben zu viele mitverdient, wenn wir in den USA boxten“, sagte Witali Klitschko. Die Beziehung zu Kohl bekam ihren ersten Knacks.

In Hamburg sind die Klitschkos immer seltener zu sehen. Sie besitzen Wohnungen in Los Angeles, beide Kinder von Witali kamen in Amerika zur Welt. Bei ihren alten Hamburger Stallkollegen gelten sie als geldgierig und arrogant. So waren gehässige Kommentare zu deuten, nachdem Wladimir im März 2003 gegen den Südafrikaner Corrie Sanders schwer k.o. ging. Eigentlich sah der Plan der Klitschkos vor, dass Witali eines Tages die Geschicke des Bruders managen würde. Was nicht geplant war, war die zweite WM-Niederlage Wladimirs. Im April dieses Jahres wurde er wieder schwer ausgeknockt, vom Amerikaner Brewster.

Ob Wladimir die Niederschläge, die sich bei Boxern gewöhnlich tief in die Seele graben, verkraftet hat, steht in den Sternen. Also wird Witali seinen Titel verteidigen müssen. Er wird es nicht mehr unter der Regie seines früheren Förderers Kohl tun. Der sagt: „Wir haben die Nachfolger der Klitschkos schon unter Vertrag.“ Gemeint sind Alexander Dimitrenko, ein 22-jähriger Zweimetermann und Junioren-Weltmeister aus Kiew, sowie der Usbeke Ruslan Chagajew, der zweifache Weltmeister der Amateure.

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