Sport : Zuckerwatte auf der Gefühlskirmes

Das Männerteam um Timo Boll feiert Bronze gegen Hongkong. Erstmals gibt es zwei deutsche Medaillen im TISCHTENNIS.

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Das Riesenrad hält oben.
Das Riesenrad hält oben.Foto: dpa

Einsteigen, festhalten, das Karussell fährt los. Drei Tischtennisspieler und ihr Trainer halten sich im Arm, stecken die Köpfe zusammen und drehen sich immer schneller. Die Bronzemedaille ist die Eintrittskarte zu dieser glücklichen Gefühlskirmes. Olympia endet für die deutschen Tischtennisspieler mit dem Geschmack von Zuckerwatte.

Für dieses Erlebnis mussten sie das kleine Finale gegen das kleine China gewinnen. Gegen das große China, den alten und neuen Olympiasieger, hatten sie im Halbfinale 1:3 verloren, nun stand Hongkong vor ihnen. Es fing gut an, mit Einzelsiegen von Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov. Doch nachdem Ovtcharov und Bastian Steger das Doppel verloren hatten und es nur noch 2:1 stand, wurde den Deutschen etwas flau. Boll sollte jetzt das Team befreien und hatte dabei ein Déjà-vu. Schon 2008 hatte er die Mannschaftsmedaille erbeutet, damals Silber mit einem dramatischen Fünfsatzsieg gegen den Japaner Seiya Kishikawa.

Diesmal bekam er es mit Jiang Tianyi zu tun, von dem Boll sagt, dass er über einen „der besten Aufschläge“ im ganzen Tischtennisbetrieb verfüge. Entsprechend schwer tat sich Boll. „Einen Punkt gegen seinen Aufschlag zu machen, ist fast so wie ein Break im Tennis.“  Bei 2:1-Satzführung lag Boll 3:8 hinten, alles deutete auf einen zittrigen fünften Entscheidungssatz hin.

Hinter der Bande traf Bundestrainer Jörg Roßkopf eine erste Maßnahme: „Ich bin ja sehr abergläubisch, deshalb habe ich zu Dimitrij auf der Bank gesagt, er soll sich mal auf einen anderen Platz setzen, so läuft es nicht.“ Vor allem aber zeigte Boll nun mentale Stärke. „Ich habe mir gesagt, jetzt schenkst du keinen Ball her.“ Punkt für Punkt kam er heran, bis er 10:8 führte. Den ersten Matchball nutzte er nicht, und dass er den zweiten verwandelte, sah Roßkopf nicht. „Ich konnte nicht hinschauen“, sagte Roßkopf, der selbst 1996 im Einzel olympisches Bronze gewonnen hatte.

Doch den Sieg hörte Roßkopf, sprang als Erster über die Umrandung und bildete mit seiner Mannschaft ein wildes Fahrgeschäft. Es ist die zweite Medaille für die deutschen Tischtennisspieler in London nach Ovtcharovs Bronze im Einzel, was Dirk Schimmelpfennig, der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes, „historisch“ nannte. „Es ist das erste Mal, dass wir zwei Medaillen bei Olympia gewinnen.“ Eine Medaille sei das Ziel gewesen, und auch die Aufteilung der Medaillen rechnete Schimmelpfennig sehr gerne vor: „Von zwölf Medaillen hier im Tischtennis gehen sechs nach China, vier in andere asiatische Länder und die anderen beiden nach Deutschland.“ Beeindruckt habe ihn neben Ovtcharovs Leistung vor allem die Rückkehr von Timo Boll. Der war im Einzel schon im Achtelfinale gegen den Rumänen Adrian Crisan ausgeschieden, die wohl bitterste Niederlage seiner Karriere. Dann hatte er aber im Halbfinale Olympiasieger Zhang Jike besiegt und im Spiel um Platz drei beide Punkte geholt. „Er hat gezeigt, dass er ein großer Sportler ist“, sagte Schimmelpfennig.

Boll sagte: „Das war hier vielleicht meine größte Leistung: Nachdem ich so weit unten war, mich in ein, zwei Tagen da rauszuziehen bis nach ganz oben.“ Ovtcharov hob ihn am Ende in die Höhe, und Boll schaute dabei glücklich herunter wie aus einem Riesenrad.

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