Sport : „Zufällig hatten wir Anstoß“

24. August 1963: Timo Konietzka schießt das erste Tor der Bundesliga-Geschichte

Stefan Hermanns

Am 24. August 1963 ist die Fußball-Bundesliga in ihre erste Saison gestartet. 40 Jahre sind seitdem vergangen, und in dieser Zeit hat die Liga viele schöne Geschichten geschrieben. In loser Folge erinnern wir an Rekorde und Glanzleistungen aus 40 Jahren Bundesliga-Geschichte, heute an das erste Tor.

Der Mann, der das erste Tor der Bundesliga-Geschichte geschossen hat, konnte zeitweise kaum noch aufrecht gehen. Der Rücken schmerzte. Die Gelenke schmerzten. Die Bänder schmerzten. Die Sehnen schmerzten, und von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Jahrelang ist Timo Konietzka mit Arthrose zum Arzt gegangen, er hat Einlagen getragen, aber besser ist es nicht geworden. Erst als ihm dieser besondere Schuh empfohlen wurde, einer, der die Belastung auf Muskeln, Gelenke und Rücken verändert. Konietzka hat nicht viel davon erwartet, aber dann war er innerhalb von vier Wochen seine Schmerzen los. Inzwischen arbeitet er seit fünf Jahren als Repräsentant für die Firma, die den Schuh herstellt, fährt dauernd durch Deutschland und die Schweiz, wo er seit 36 Jahren lebt, und macht Promotion für den Wunderschuh. Konietzka sagt: „Ich bin fit wie ein alter Turnschuh.“

Er ist jetzt 65, und immer noch treibt er jeden Morgen erst mal eine Stunde Sport, „weil mir die Gesundheit am meisten bedeutet“. So war Konietzka immer schon, auch früher als Fußballer. Im Sommerurlaub ist er joggen gegangen oder hat Tennis gespielt, und wenn die Saisonvorbereitung losging, hatte Konietzka anders als viele seiner Kollegen kein Gramm Übergewicht. Vielleicht hat er es dieser Einstellung zu verdanken, dass die Leute noch heute von ihm reden.

Konietzka sagt, es sei kein Zufall gewesen, dass er gleich zweimal in der ersten Minute das erste Tor einer Bundesligasaison geschossen hat: 1965, im August, in seinem ersten Spiel für 1860 München zum 1:0-Sieg gegen den Aufsteiger Bayern München – und vor allem natürlich am 24. August 1963.

An diesem 24. August startet die Fußball- Bundesliga in die erste Saison, und Timo Konietzka spielt mit dem Deutschen Meister Borussia Dortmund bei Werder Bremen im Weserstadion.

Von dem Tor profitiere ich heute noch. Egal, wo ich hinkomme – ich werde nicht als früherer Nationalspieler oder Deutscher Meister vorgestellt. Ich bin der Mann, der das erste Bundesligator geschossen hat. Dabei hat man das anfangs gar nicht so zur Kenntnis genommen. Das ist erst später gekommen, als nach zehn Jahren das erste Jubiläum der Bundesliga anstand. Und man wird sich wohl noch daran erinnern, wenn ich schon gestorben bin. Je älter ich werde, desto stärker wird mir das bewusst.

Das Tor, das Timo Konietzka einen Platz im öffentlichen Bewusstsein sicherte, hat die breite Öffentlichkeit nie gesehen. Es gibt keine Bilder von diesem Tor. Weder Fotos noch Filmaufnahmen. „Wir haben in Bremen gespielt. Die waren zu Hause eine starke Mannschaft“, sagt Konietzka. Die Fotografen spekulierten wohl darauf, dass die Tore auf Dortmunder Seite fallen würden. Gleich nach der Seitenwahl sind sie losgerannt, um sich die besten Plätze zu sichern. „Ich seh’ noch, wie sie alle gelaufen sind“, sagt Konietzka.

32000 Zuschauer sind im Weserstadion. Es regnet in Strömen. „Zufällig haben wir Anstoß gehabt, nicht Bremen“, sagt Konietzka. Was danach passiert, hat er noch im Kopf:

Vom Anstoß kommt der Ball zu Lothar Emmerich auf die linke Seite. Der geht sofort die Seitenlinie lang, gibt den Ball flach in den Strafraum. Ich stehe sieben, acht Meter vor dem Tor und muss nur meinen rechten Fuß hinhalten. Der Ball fliegt unten ins linke Eck. Max Lorenz versucht noch, irgendwie an den Ball zu kommen, trifft aber nur meine Beine. Eigentlich war es ein leichtes Tor.

Die Bundesliga ist zu diesem Zeitpunkt 51 Sekunden alt.

Ich war Stürmer, und man hat mich natürlich an meinen Toren gemessen. Ich habe mir immer gesagt: Mach in den ersten Spielen der Saison deine Tore, dann hast du deine Ruhe!

Gegen Bremen trifft Konietzka noch ein zweites Mal. Es ist der Anschlusstreffer zum 2:3, aber es läuft bereits die 90. Minute. Dortmund, der Deutsche Meister, verliert. Am nächsten Tag schreibt der Tagesspiegel: „Die beiden Treffer des Nationalspielers täuschen: Konietzka war im schwachen Sturm der Borussen der schwächste.“

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