Sport : Zufall und Geschick

Karsten Doneck

Als er da nach dem Abpfiff gemessenen Schrittes vom Platz ging, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Ein Lächeln, wie es Lausbuben eigen ist, wenn ihnen ein besonders pfiffiger Schabernack gelungen ist. Der Weg in die Kabine wurde für Harun Isa ziemlich lang. Andauernd klopften ihm Leute anerkennend auf die Schultern, immer wieder hielten ihm Reporter ihre Mikrofone vor die Nase, in die er immer wieder die gleichen Antworten sprach.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Viel Wirbel um einen Ersatzspieler. Doch Harun Isa macht aus seiner undankbaren Rolle das Beste. Als am Freitagabend im Stadion Alte Försterei die Bemühungen des 1. FC Union um einen Treffer gegen den abstiegsbedrohten 1. FC Saarbrücken immer kläglicher wurden, durfte Isa von der Bank aufs Feld und brachte seine Mannschaft nur rund 100 Sekunden nach der Einwechslung mit 1:0 in Führung. Es war bereits Isas fünftes Saisontor als Einwechselspieler, sein achtes insgesamt. Ein Glücksgriff des Trainers. Doch Georgi Wassilew, Unions Übrungsleiter, machte davon nicht viel Aufhebens. "Jeder Spieler aus meinem Kader ist in der Lage, der Mannschaft zu helfen", stellte Wassilew vielmehr fest, "ich will solche Einwechslungen nicht überschätzen."

Isas Tor gegen Saabrücken in der 54. Minute wirkte wie ein Stück Maßarbeit. Der von ihm in der Nähe des rechten Strafraumecks getretene Ball schien in einem hohen Bogen irgendwo Richtung Toraus unterwegs zu sein, schlug dann aber zur Überraschung von Saarbrückens Torwart Peter Eich und den 7151 Zuschauern im hintersten Eck des gegnerischen Tores ein. Ein Zufallstreffer? Oder steckte etwa Berechnung hinter dieser Aktion? Isa erklärte: "Ganz ehrlich: Da war viel Glück dabei. Ich habe einfach nur draufgehalten."

Aber Zufall? Daran mag man bei Harun Isa nicht glauben. Unvergessen ist schließlich noch sein Treffer von Ende September 2000 gegen Babelsberg 03, als er den Ball fast von der Mittellinie aus im gegnerischen Kasten versenkte. Dass dem wendigen Stürmer solch spektakuläre Treffer immer wieder mal gelingen, lässt bei ihm deshalb auch auf eine besondere Geschicklichkeit beim Abschluss schließen. "Mein früherer Trainer, der Hermann Gerland, hat mal gesagt, wenn der Harun seine Tore schießt, dann ist er Weltklasse, wenn nicht, dann spielt er Kreisklasse", erzählt der kleine Stürmer. Und irgendwie hat er sich ja doch immer seine Einsatzzeiten erkämpft. Ob Union da nun Sreto Ristic verpflichtete oder Ferdinand Chifon oder Petar Divic - Isa flitzte trotz dieser Stürmerkonkurrenz in dieser Saison in den Punktspielen dennoch 946 Minuten über den Rasen, das sind im Durchschnitt immerhin fast 45 Minuten pro Partie.

Isa ist indes ehrgeizig genug, sein derzeitiges Reservistendasein beim 1. FC Union nicht als Dauerzustand zu akzeptieren. "Natürlich will ich immer von Anfang an spielen", sagt Isa. "Aber der Trainer entscheidet, und er denkt, die jetzige Rolle sei besser für mich. Und ich kann nun mal nichts anderes tun, als ihm die Entscheidung, mich draußen zu lassen, so schwer wie möglich zu machen."

Harun Isa ist kein taufrischer Fußballer mehr. Im Juni wird er 33 Jahre alt. Seine Karriere neigt sich dem Ende zu, sein Vertrag bei Union läuft am Saisonende aus. Beide Seiten wollen verlängern. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten, "vielleicht werden wir Anfang der Woche den Vertrag unterschreiben", sagt Isa. Das Arbeitsverhältnis zwischen Union und Isa soll dann bis Juni 2003 fortbestehen. Dass Harun Isa dabei vielleicht noch mal in den Genuss kommt, in der Ersten Bundesliga seine Joker-Qualitäten zu beweisen, scheint nicht ausgeschlossen. Union gehört nach dem Sieg gegen Saarbrücken weiter zu den Aufstiegskandidaten in der Zweiten Liga, wenngleich die Aufgabe am kommenden Sonntag bei Eintracht Frankfurt schwer zu meistern sein wird. Aber Isa ist nicht bange. "Wir haben zur Zeit einen ganz guten Lauf", sagt er. Und das nicht zuletzt dank Isas Toren.

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