Sport : Zufrieden am Ziel vorbei

Der deutsche Sport verfehlt seine Erwartungen, zieht aber eine positive OLYMPIA–BILANZ: Es gab mehr Medaillen als vor vier Jahren, aber in einigen Sportarten herbe Enttäuschungen.

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An einer Wand im Deutschen Haus in London hängen schön aufgereiht Urkunden. Auf jeder steht der Name eines deutschen Medaillengewinners. Am späten Freitagabend klebte eine Mitarbeiterin die Urkunden der Stabhochspringer Raphael Holzdeppe und Björn Otto dazu. Der Name Betty Heidler tauchte erst am Samstagvormittag auf, die Hammerwerferin hatte ihre Bronzemedaille erst um Mitternacht sicher gehabt. Wenn man noch das samstägliche Silber von Mountainbikerin Sabine Spitz hinzuzählt und die Goldmedaille der Männer-Hockeymannschaft, dann hatte die deutsche Olympiamannschaft bis zum letzten Wettkampftag in London 44 Medaillen gewonnen, darunter elf goldene.

Gestern morgen saß Thomas Bach im Deutschen Haus, ein paar Meter von den Urkunden entfernt, und der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hätte es bestimmt als angemessen empfunden, wenn vor seiner Botschaft der Klang von Fanfaren aus Boxen gedröhnt hätte. „Die deutsche Mannschaft hatte einen glänzenden Auftritt“, sagte Bach. „Sie hat sich beim härtesten Wettkampf, den es je gegeben hatte, hervorragend geschlagen. Die Zahl der Medaillen hat alle Erwartungen übertroffen.“

Bei diesem Satz begann man doch zu zu stutzen. Alle Erwartungen übertroffen? Hatte nicht das Bundesinnenministerium auf Druck des Verwaltungsgerichts Berlin gerade erst seine sogenannten Zielvorgaben für London veröffentlichen müssen? Ja, hatte es. Und dort stand die bemerkenswerte Zahl von 86 Medaillen.

86 Medaillen, das wäre selbst für China ein sehr ehrgeiziges Ziel. Blödsinn, sagte Bach aber schnell. „Unser Ziel ist es natürlich nicht, China zu attackieren oder gar zu überholen.“ Die Vorstellung des DOSB lautete vielmehr: „Wir wollen besser abschneiden als in Peking. Und das haben wir geschafft.“ 42 Medaillen gewannen die deutschen Olympioniken in Peking, darunter 16 goldene. Neben Bach saß Michael Vesper, der Chef de Mission der deutschen Mannschaft, und lieferte ebenfalls Zahlen. „Wir haben bis heute 77 Finalplätze, bei den Rängen vier bis acht, in Peking waren es insgesamt nur 69.“ Und die Medaillen seien auf zwölf Sportarten verteilt, daran sehe man ja, wie vielfältig die deutsche Mannschaft aufgestellt sei. „Zum ersten Mal seit 1992 hat es bei Olympischen Spielen wieder mehr Medaillen gegeben als bei den vorangegangenen Spielen.“

Aber was ist nun mit den 86 Medaillen? Ein Missverständnis sei das alles, erklärten Vesper und Bach. „Diese 86 Medaillen stellen nicht die realistische Erwartung dar“, sagte der DOSB-Chef. Sie sind demnach viel mehr die Basis, auf der Fördergelder beantragt und berechnet werden. Jeder Verband habe vor vier Jahren mit dem DOSB eine Prognose erarbeitet, welche Chancen bei den Olympischen Spielen theoretisch möglich sind. „Dass diese Prognosen natürlich nie den Medaillen entsprechen, die gewonnen werden, ist ja klar“, sagte Vesper. „Wir brauchen einen Pool von Athleten, die wir fördern“, erläuterte Bach. „Der Name Zielvorgabe war ein Fehler“, gibt Bach zu. „Man hätte Fördervereinbarung sagen müssen.“

Warum dann diese Geheimniskrämerei wegen ein paar abstrakter Zahlen, die kurz vor den Spielen sowieso korrigiert werden müssen? Wer sich nicht für London qualifiziert hat, kann ja schlecht Medaillen gewinnen? „Weil sonst der Druck auf die Athleten zu groß geworden wäre“, sagte Vesper. Die deutsche Mannschaft hat in der Tat gut abgeschnitten. Wobei die Medaillenzählerei heikel ist. Jeder chinesische Medaillengewinner im Schwimmen sah sich auf der Anklagebank, das Wort Doping beherrschte alle Fragen. Die Medaillen von Michael Phelps wurden gefeiert. In keinem der Fälle gibt es bisher einen Hinweis auf unerlaubte Mittel, aber es ist viel Heuchelei im Spiel.

Dass die Springreiter zum ersten Mal seit 1928 ohne Medaille von Olympia abreisen, dass die Schützen nichts gewannen, das ist für die Betroffenen traurig, für den Gesamteindruck spielt es keine Rolle. Denn gleichzeitig hat mit Marcel Nguyen zum ersten Mal seit 76 Jahren ein deutscher Turner eine Mehrkampfmedaille gewonnen, nämlich Silber. Auch die Leichtathleten haben sich gesteigert. In Peking gewannen die Deutschen einmal Bronze, in London gab es sieben Medaillen.

Auch die Beckenschwimmer sind mit einer starken Zahl dabei: Nach 80 Jahren holten sie zum ersten Mal wieder null Medaillen. Schwimmen ist neben der Leichtathletik olympische Kernsportart. Pleiten haben hier eine ganz andere Wirkung als die Fehlschüsse der Schützen. Serienweise verfehlten deutsche Poolschwimmer die Zeit, die sie bei den deutschen Meisterschaften erreicht hatten. Das spricht für Fehler in der Trainingsgestaltung. Aber auch für Tradition: Seit Sydney 2000 liefern die deutschen Schwimmer bei Olympischen Spielen mehr oder weniger enttäuschende Leistungen.

Vielleicht lag es daran, dass ausgerechnet bei den Beckenschwimmern die Geheimniskrämerei keine Rolle spielte. Dass ihre Zielvorgabe zwei Gold-, zwei Silber-, zwei Bronzemedaillen lautete, war längst bekannt. Aber wenigstens ein Schwimmer hängt namentlich an der Wand im Deutschen Haus. Silbermedaillengewinner Thomas Lurz. Ein Freiwasserschwimmer.

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