Zukunft des Fußballs : Fans aller Vereine, vereinigt euch!

Wohin steuert der Fußball? Wie wird er sich weiterentwickeln? Der Fußball und die Fans: Wie der Einfluss der Anhänger die Profiklubs verändern wird.

Dave Boyle
Bei vielen Fans in der englischen Premier League (hier die von Manchester United) regt sich inzwischen Protest gegen die eher finanziell interessierten, meist ausländischen Besitzer ihrer Vereine.
Bei vielen Fans in der englischen Premier League (hier die von Manchester United) regt sich inzwischen Protest gegen die eher...Foto: AFP

In unserer neuen Serie versuchen wir, in die Zukunft zu schauen. Wohin steuert der Fußball? Wie wird er sich weiterentwickeln? Heute die erste Folge: Der Fußball und die Fans.

In der Vergangenheit wurden Fans oft als soziales Problem gesehen – heute haben vielmehr die Klubverantwortlichen diesen Ruf. Es ist im Fußball wie in der Finanzkrise: zu viele Schulden, zu viele Spekulanten. Das haben auch Politiker erkannt. Auch deswegen werden sich Fans in Zukunft mehr und mehr Gehör verschaffen.

Das größte Schlachtfeld wird sicher dasselbe sein wie schon in den vergangenen Jahren: Es wird um die Spannung gehen zwischen denjenigen, die Fußball als Geschäft betreiben – und denen, die den Sport und die Klubs als etwas sehen, was über Geld hinausgeht. Weil das Fernsehen so einen enormen Einfluss auf den Fußball hat, haben im Moment die Interessen der Fernsehzuschauer ein größeres Gewicht als die Fans, die Woche für Woche ins Stadion gehen. Das sorgt für Spannungen innerhalb der Fangemeinde. Das Problem sind aber nicht die Fans auf der Couch, sondern die mächtigen Fernsehsender, die Anstoßzeiten so verschieben, dass es für viele schwer wird, ins Stadion zu gehen.

Das Internet wird hier für die größte Veränderung für die Fans sorgen, die Macht der Fernsehsender wird durch Online-Übertragungen und Internet-Piraterie schrumpfen, besonders bei uns in England. Die Welt des großen Geldes durch Fernsehrechte wird sterben. Bislang haben die großen Ligen ihr finanzielles Schicksal an nationale Sendeanstalten gebunden, diese Verbindung wird es so nicht mehr geben. Niemand weiß genau, wie sich das entwickeln wird – ich glaube aber nicht, dass wir bei der WM 2018 noch ein Fernsehsystem wie bei der WM in Südafrika sehen werden.

Wenn ich in Deutschland bin, beeindruckt mich immer wieder, wie Bundesligavereine mit ihren Anhängern umgehen. Diese Klubs haben verstanden, dass diese Menschen sehr emotional und treu sind. Demzufolge könnten auch Bundesligisten so wie englische Klubs deutlich höhere Preise für Eintrittskarten verlangen – sie tun es aber nicht. In England ändert sich diese Einstellung erst sehr langsam. Auch die Uefa hat erkannt, dass Fans wichtige Akteure sind, mit denen man reden muss, und unterstützt Fanvereinigungen – diese Art von Dialog gab es vor fünf Jahren noch nicht. Überall in Europa setzen Ligen Fanbeauftragte ein. Zudem scheint es inzwischen bei vielen Vereinen so etwas wie die moralische Verpflichtung zu geben, nicht einfach nur das Maximum an Geld aus den Fans herauszuholen.

Wahrscheinlich werden die Ticketpreise in näherer Zukunft trotzdem nicht fallen. Das Problem ist: Viele Klubs haben Angst, ihre Konkurrenzfähigkeit zu verlieren, wenn sie die Preise senken. Dafür will niemand einen Abstieg riskieren. Selbst wenn alle englischen Klubs sagen würden: Ja, wir senken die Preise, um wieder mehr junge Leute ins Stadion zu holen, gibt es die Sorge, dass die anderen Ligen dann vorbeiziehen würden. Deshalb ist das geplante neue Lizenzierungssystem der Uefa für Fans so wichtig, da es ein nachhaltigeres Wirtschaften vorschreiben soll. Viele europäische Klubs denken aber nur sehr ungern in diesen Kategorien.

Die europäische Integration macht auch vor Fußballfans nicht halt. Bei Fankongressen wie an diesem Wochenende in Barcelona lernt man schnell, dass alle Fans dieselben Anliegen haben. Viele Jahre lang haben sich Fans nur um ihren eigenen Klub gekümmert. Dann haben sich beispielsweise Anhänger von Liverpool und Manchester kennengelernt und festgestellt, dass die Gemeinsamkeiten größer sind als die Unterschiede. Das setzt sich jetzt auf internationaler Ebene fort, auch wenn es natürlich gerade dort Unterschiede gibt. Letztendlich haben aber alle Fans die gleichen Interessen: Sie lieben ihre Teams und wollen finanzielle Sicherheit für ihre Klubs. Sie wollen eine faire nationale Liga, in der jeder Klub eine Chance auf den Titel hat. Sie wollen im Europapokal mitmischen und eine ordentliche Rolle ihres Nationalteams bei Welt- und Europameisterschaften sehen. Viele dieser Dinge sind aber bedroht und es liegt an den Fans, sich künftig gemeinsam dafür einzusetzen. Wir waren in England begeistert davon, dass die Bundesliga die 50+1-Regel beibehalten hat. Das macht es für uns einfacher, unsere Liga in diese Richtung zu bringen. Isolation bringt niemanden weiter, man wird mehr und mehr Kooperation zwischen Fans sehen.

Inzwischen gibt es einige Klubs wie den FC United of Manchester, die von Fans gemanagt werden. Es ist klar, dass die Vereine finanziell nicht mit Investoren aus Abu Dhabi mithalten können, die Abermillionen Euro in eine Mannschaft stecken. Das Interessante an FCUM ist aber, dass seine Mitglieder gar nicht unbedingt in die Premier League wollen, sondern von Jahr zu Jahr entscheiden. Erfolg wird also mit anderen Maßstäben gemessen. Erfolgreiche Klubs locken eben auch Leute an, die einen Teil dieses Erfolgs abhaben wollen. Insofern werden diese von Fans geführten Klubs versuchen, eine Balance zu finden zwischen sportlichem Erfolg, gesundem Wirtschaften und der Verankerung in der eigenen Kommune.

Bei den etablierten Profiklubs ist diese Überzeugung noch nicht wirklich angekommen. Denn bisher macht eine besonnene Vereinsführung nur Sinn, wenn alle anderen genauso handeln. Wenn alle anderen aber durchdrehen, teure Spieler holen und Schulden machen, werden zunächst die besonnenen Klubs verlieren. Hier ist die Bundesliga der Premier League und anderen Ligen weit voraus. In vielen Ländern wird finanzieller Wahnsinn immer noch mit der Meisterschaft belohnt.

Für mich als Fan erhoffe ich persönlich, dass ich mich mit meinem Klub künftig sicher fühlen kann. Mein Klub, der AFC Wimbledon, ist ein Verein, in dem die Mitglieder viel bestimmen können, ähnlich wie bei vielen Bundesligisten. Ich hoffe, dass die Leute im Verein nicht die Geduld verlieren und nach einem Investor schreien, wenn es mal ein oder zwei Spielzeiten nicht gut läuft. Als Engländer wünsche ich mir, dass unser Nationalteam in der nahen Zukunft ein Turnier gewinnt – oder zumindest nicht gegen Deutschland ausscheidet. Vor allem aber hoffe ich für die Zukunft, dass es wieder mehr Spaß macht, Fußballfan zu sein. Die Klubs sind verschuldet und haben Probleme mit dem Finanzamt. Ihre Zukunft ist ungewiss. Die einzige Sorge eines Fußballfans sollte aber sein, ob sein Team am Wochenende gewinnt – und nicht, ob sein Klub am Wochenende überhaupt noch existiert.

Dave Boyle ist Geschäftsführer der englischen Fanvereinigung „Supporters Direct“ und Vorstandsmitglied der Organisation „Football Supporters Europe“, die an diesem Wochenende in Barcelona den dritten europäischen Fankongress ausrichtet. Aufgezeichnet von Lars Spannagel.

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