Zukunftsplanung : Hertha rechnet

Besiegen die Berliner am Samstag den KSC, wahren sie ihre Chance auf die Champions League – ein erhöhtes Risiko wollen sie für das Ziel nicht eingehen. Die Transferpolitik wird zum Streitthema.

Stefan Hermanns
UEFA-Pokal - Hertha BSC Berlin - Galatasaray Istanbul 0:1
Wo geht es hin, Hertha? Die Zeiten sind ungewiss, auch für Josip Simunic.Foto: dpa

Lucien Favre legt großen Wert auf die Formen der Höflichkeit. Niemals würde der Trainer von Hertha BSC etwas Schlechtes über einen Gegner sagen, und über den nächsten schon mal gar nicht. Als Favre vor der Begegnung mit dem Karlsruher SC gefragt wurde, ob er ein Spiel auf ein Tor erwarte, auf das des KSC nämlich, hat er zuerst gar nicht gewusst, was die Frage bezwecken sollte. In solch vermessenen Kategorien denkt Favre nicht. Das Spiel des Tabellenvierten Hertha gegen den Fünfzehnten Karlsruhe ist für ihn alles andere als eine lästige Pflichtaufgabe. Im Gegenteil: Es ist in vielerlei Hinsicht bedeutsam.

„Es ist psychologisch wichtig, mit etwas Positivem in die Rückrunde zu gehen“, sagt Favre. Mit einem Sieg würde Hertha nicht nur eine erfolgreiche Halbserie veredeln und einen neuen Punkterekord für eine Hinrunde aufstellen – vor allem würde die Mannschaft demonstrieren, dass mit ihr weiter zu rechnen ist: Sie bliebe auf jeden Fall in der Nähe der Champions-League-Plätze.

Ist das nicht eine Chance, die man unbedingt nutzen muss? Im Prinzip schon, aber nicht um jeden Preis. Hertha wird kein übermäßiges finanzielles Risiko eingehen – der Verein kann es sich einfach nicht erlauben.

Es ist keine einfache Erkenntnis, vor allem für Manager Dieter Hoeneß nicht, der eher daran denkt, die Mannschaft zu verstärken, anstatt sie zu verschlanken. Doch das wird sich nicht realisieren lassen. Das Präsidium hat bereits deutlich vernehmbar gemurrt, als der Manager in dieser Woche in Brasilien über den Transfer des Linksverteidigers Junior Cesar verhandelte. Immer mehr schält sich heraus, dass es im Streit zwischen Hoeneß und Präsident Werner Gegenbauer nicht um persönliche Eitelkeiten geht – sondern um die grundsätzliche strategische Ausrichtung des Vereins.

Das Präsidium jedenfalls will seiner Aufsichtspflicht nun entschlossener nachkommen als in der Vergangenheit. Ein zweites Mal darf der Verein nicht an den Rand des Ruins geraten. Hoeneß hingegen verfolgt weiterhin hohe Ziele: Seinem Dreijahresplan zufolge müsste sich Hertha am Ende der Saison 2009/10 für die Champions League qualifizieren. Überraschenderweise endet dann auch seine Amtszeit als Manager und Geschäftsführer – definitiv, wie man jetzt weiß. Hoeneß hält es für unredlich, wenn ihm eine Verquickung der privaten mit seiner beruflichen Planung unterstellt wird. Dass er sich zum Abschied bei Hertha liebend gern für sein Lebenswerk feiern lassen will, kann sich aber jeder vorstellen.

Die Voraussetzung für schnellen Erfolg aber, der Einsatz hoher finanzieller Mittel nämlich, ist erst einmal nicht mehr gegeben. Niemand weiß, wie sich die Finanzkrise auf den Fußball auswirken wird; dass sie sich auswirken wird, steht für Ingo Schiller, Herthas Finanzgeschäftsführer, außer Frage. „Wer das nicht sieht, verschließt die Augen vor der Realität“, sagt er. „Es geht jetzt darum, die richtigen Maßnahmen zu treffen.“

Die Planung ist auch deshalb schwierig, weil Schiller nicht weiß, mit welchen Zahlen Hertha für die neue Saison konkret rechnen kann. Mittelfristig ist der Verein noch bis zum Sommer von einem Fernsehvertrag ausgegangen, der den 36 Profiklubs 500 Millionen Euro pro Saison gebracht hätte. De facto sind es nur noch 386 Millionen. „Wir wissen jetzt, dass wir weniger Einnahmen zu erwarten haben“, sagt Schiller. Für Hertha würde dies wohl Einbußen zwischen fünf und zehn Millionen Euro bedeuten. Auch der Vertrag mit dem Hauptsponsor Deutsche Bahn läuft im Sommer aus. Bisher hat er Hertha pro Jahr acht Millionen Euro eingebracht. Ob eine solche Dimension in der aktuellen wirtschaftlichen Situation noch zu erzielen ist, ist zumindest fraglich.

Schon vor einem Monat, als die Bilanz für das vergangene Geschäftsjahr vorgestellt wurde, hat Schiller darauf hingewiesen, dass sich die Lage zwar verbessert hat; große Sprünge seien für den Klub aber auch weiterhin nicht möglich. Die Schulden sind von 54 auf knapp 30 Millionen Euro immerhin so weit reduziert worden, dass die Situation für Hertha BSC in normalen Zeiten wieder beherrschbar ist. Durch die Finanzkrise aber werden die Zeiten erst einmal nicht mehr normal sein.

Im Klartext bedeutet das: Hertha kann sich all die schönen teuren Spieler nicht leisten, die Hoeneß gerne hätte. Aus der oberen Kategorie (Arne Friedrich, Josip Simunic, Andrej Woronin, Marko Pantelic) muss wohl mindestens einer gehen – und für jeden Spieler, der neu kommen soll, ein weiterer. Dieter Hoeneß hat bereits erklärt, dass Hertha die Kaufoption für den bisher ausgeliehenen Cicero wahrnehmen will. Die Verpflichtung kostet den Klub etwa 3,5 Millionen Euro. Für einen Spieler dieser Qualität ist das nicht viel. Für Hertha in der derzeitigen Situation schon.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben