Sport : Zum Sieg überredet

Etappensieger Totschnig wollte schon aufgeben

Hartmut Scherzer

Ax-3-Domaines - Georg Totschnig verließ die Talkrunde. „I geh.“ Beleidigt, weil sich die Gerolsteiner-Gesprächsrunde – in Englisch – nur um Levi Leipheimer drehte? „Na, I versteh eh nix.“ Es war der Tag nach den Alpen. Der Österreicher, im vergangenen Jahr Siebter in Paris, lag auf dem 22. Rang des Klassements, 11:43 Minuten hinter dem Gelben Trikot. Er war krank zu seiner siebten Tour de France gestartet. Sitzbeschwerden seit dem Mannschaftszeitfahren hatten sich mittlerweile zur körperlichen Schwäche gesellt. Ein Polster in der Hose linderte etwas die Schmerzen. „Wir sind froh, dass wir mit Levi einen zweiten Mann im vorderen Bereich haben“, sagte Teamchef Hans-Michael Holczer. Totschnigs Moral war im Keller. Er wollte aufgeben. In Courchevel hatte er sechseinhalb Minuten verloren.

Holczer ermutigte den 34-jährigen Zillertaler zum Bleiben: „Mach’s wie Simoni.“ Der italienische Giro-Sieger war 2003 auch hoffnungslos zurückgefallen, deshalb ließen die Favoriten ihn ziehen. Gilberto Simoni gewann die Pyrenäenetappe hinauf nach Loudenvielle. „Mit dieser Einstellung ist Georg heute ins Rennen gegangen“, sagte Holczer. Georg Totschnig gewann am Samstag nach gleichem Muster die erste Pyrenäen-Etappe.

Danach hatte er nicht mehr die Kraft und die Geistesgegenwart, das Trikot zuzuziehen, um den Namen des Sponsors auf der Brust auf dem Gipfel der ganzen Welt zu zeigen. Derart verbissen kämpfte der Österreicher bis zum Zielstrich, getrieben von dem einzigen Gedanken: „Hoffentlich überholt mich keiner.“ Schließlich wusste er vom Teamfunk, dass es Lance Armstrong war, der ihn zum Schluss jagte. „Ich hoffe, der Sponsor verzeiht mir das“, sagte der von Emotionen überwältigte Österreicher. Mit entblößtem weißem Unterhemd war er bei seiner Jubelpose über die Ziellinie gefahren. schlug sich mit den Händen auf den Helm, als wollte er es seinem Kopf einhämmern: Georg, es ist wahr. Du träumst nicht.

„Auf dem letzten Kilometer hab ich ihm gesagt: Genieße den Erfolg, dein Sieg ist sicher. Aber Georg hat nichts mehr gehört“, erzählte Holczer, der sich im dritten Tour-Jahr nach dem ersten Etappensieg für sein Team endlich ernst genommen fühlt. „Das war emotional sicher der größte Erfolg für uns“, befand er.

Von Erschöpfung und Glücksgefühlen niedergestreckt, lag Totschnig rücklings auf dem Asphalt wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Der Pfleger Klaus Tünnemann zog ihn hoch und nahm den hemmungslos Schluchzenden in die Arme. Auch bei der Siegerehrung wurde Totschnig noch von Tränen übermannt. Selten wurde ein Etappensieger der Tour derart von Emotionen überwältigt. Er hatte schon so gut wie aufgegeben – und nun feierte der einstige Telekom-Domestike den größten Triumph seiner Karriere. Von 1997 bis 2000 radelte der Rundfahrer als Helfer Jan Ullrichs bei Telekom und gehörte 1997 zur siegreichen Tour-Mannschaft. 2001 wechselte Totschnig zu Gerolsteiner. Er war nicht länger Knecht, sondern nun Kapitän.

Abends im kleinen Hotel Roy Rene in Ax-les-Thermes machten die vier akkreditierten österreichischen Journalisten dem nun berühmten Landsmann ihre Aufwartung: Schließlich hatte der Radprofi im Land der Skiheroen Sportgeschichte geschrieben. Es ist 74 Jahre her, dass ein Österreicher – Max Bulla (dreimal 1931) – Etappensieger der Tour de France wurde.

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