Sport : Zum Sieg verpflichtet

Für Kanutin Birgit Fischer zählt nur eine Medaille

Frank Bachner[Athen]

Dieses Grünzeug geht ihr so auf die Nerven. Die Algen auf der Kanustrecke wickeln sich um das Paddel der Kajaks. Wie soll man denn da vernünftig steuern? „Das ist total unbefriedigend“, sagt Birgit Fischer. Was denn, wenn das heute so ist? Heute will Birgit Fischer doch Gold holen, mit dem deutschen Vierer über 500 Meter. Es wäre ihre achte Goldmedaille. Und im Zweier startet sie auch noch. Etwas anderes als Gold zählt nicht für Birgit Fischer, das hat sie frühzeitig klar gemacht. Da spielt es auch keine Rolle, dass sie jetzt 42 Jahre alt ist. Für Birgit Fischer zählt immer nur Gold. Oder generell: das Optimum. „Ich gehe ja nicht an der Start und sage: Ich will Zweite werden.“

Diese Suche nach Perfektion kann man als etwas Aufregendes verstehen. Aber bei Birgit Fischer klingt es immer nach Pflichterfüllung. Natürlich hört sie nicht auf nach Athen. „Ich trainiere ja nicht, um nach acht Monaten wieder aus dem Boot zu steigen.“ Sie ist längst erfolgreichste Kanutin aller Zeiten, aber man spürt nicht, dass sie das genießt. Stattdessen vermittelt sie ein Gefühl von Unvollkommenheit. „Es gibt noch so viele Sachen, die ich machen kann, um meine Leistung zu verbessern, es gibt tausend Wege, ich möchte sie alle ausprobieren“, sagt sie. Auch deshalb ist Fischer eine große Athletin. Sie gibt sich nie zufrieden. Ein Sieg ist nur der Schritt zum nächsten Erfolg.

Eigentlich hätte sie nun mit der Suche nach Perfektion genug zu tun. Aber dann sagt sie mit dünnem Lächeln: „Training ist nicht alles. Ich habe noch ein paar andere Themen in meinem Leben.“ Der Mensch Fischer kann sich nicht von der Sportlerin Fischer lösen. Der Mensch Fischer sucht genauso nach Perfektion wie die Sportlerin. Sie agiert immer im Grenzbereich. Sie liest fünf, sechs Bücher gleichzeitig, managt ihren Boots- und Kanuverleih alleine, sie renoviert ihr Bootshaus alleine. Sie erzieht ihre beiden Kinder alleine. In Athen leitet sie ihre Firma übers Handy und Internet. Zu Hause sitzt die 66 Jahre alte Mutter. Sie hilft ihr dabei. Sonst niemand. Fischer sagt, sie erhole sich beim Heckenschneiden. Den letzten Urlaub hat sie vor drei Jahren gemacht. „Ich habe Urlaub zu Hause, das ist sehr schön“, sagt sie. Immerhin nimmt sie sich jetzt am Tag eine halbe Stunde für sich. Die hat sie sich früher auch noch gespart.

Manchmal, sagt sie, „habe ich das Gefühl, dass ich mir zu viel zumute“. Aber das Gefühl hält nicht sehr lange an. „Andere sagen, dieses Leben sei hektisch, ich finde es interessant.“ Birgit Fischer hat keine Probleme. Sie hat Aufgaben. So stellt sie sich dar. Es gibt Leute, die fiebern heute mit ihr mit. „Für mich ist das normal. Da wird nur von außen etwas Besonderes daraus gemacht“, sagt sie.

Ein Gedanke drängt sich da auf: Birgit Fischer muss manchmal ziemlich einsam sein. Ist sie das? Josef Capousek, der Chef- Bundestrainer und Fischers früherer Lebensgefährte, überlegt lange: „Ja, manchmal ist sie sehr einsam.“ Man kann das ein bisschen nachempfinden, wenn Birgit Fischer von zu Hause erzählt. Wenn sie wieder mit Edelmetall zurückkommt, „sagt keiner: Toll, zeig mal deine Medaille!“ Da geht es in den Gesprächen mit den 14 und 18 Jahre alten Kindern „um Elternabend oder um die Fahrerlaubnis“. Es gibt auch nie die Situation, erzählt Birgit Fischer, dass die Kinder das enorme Arbeitspensum als große Leistung registrieren. Fischer sagt: „Da kommt nie der Satz: Toll, wie die Mutti das geschafft hat.“ Sie könnte das leise bedauern, und wenn’s bloß mit gespielter Ironie wäre. Aber Birgit Fischer betont: „Das macht mir überhaupt nichts aus.“ Damit ja keine Zweifel aufkommen.

Doch auch Birgit Fischer stößt an einen Punkt, an der ihr das Optimum als etwas Nervendes erscheint. Ihr Sohn wird gerade zum Mechatroniker ausgebildet, eine Mischung aus Mechaniker und Elektroniker. „Der würde nie eine Minute seiner Ausbildung versäumen, selbst wenn er krank wäre“, erzählt die Mutter. Und dann sagt Birgit Fischer, die für sich nur die Perfektion akzeptiert, versonnen: „Der ist so pflichtbewusst, das ist schon ätzend.“

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