Sport : Zum Verlieben

Ronaldo und Brasilien zeigen in Berlin nur wenig von dem, was sie können – aber das ist schon viel

Armin Lehmann

Berlin - Ronaldo kam einfach nicht. Deshalb schnappten sich die brasilianischen Tänzerinnen in den Katakomben des Berliner Olympiastadions Oliver Bierhoff. Jede der Frauen durfte sich mit dem deutschen Teammanager im Arm fotografieren lassen. Dann endlich tauchte Ronaldo auf: der Liebling, der Stürmer von Real Madrid mit der aufregenden Zahnlücke, ein dünnerer Ronaldo, frisch verliebt und verlobt, wie man lesen konnte.

Aber Ronaldo würdigte seine Fans mit keinem Blick. Abgeschirmt von zwei Bodyguards, das Handy dicht am Ohr haltend und einen Rollkoffer hinter sich herschleifend, verschwand er eilig in einer Limousine. Es war ein abrupter Abgang eines Stars, der die hohen Erwartungen an sein Genie auch im Spiel zuvor nur sehr sporadisch zu erfüllen wusste.

Mitte der zweiten Halbzeit lieferte Ronaldo beispielsweise einen atemraubenden Beweis seiner Spielkunst. Auf der linken Seite hatte er den Ball bekommen, nahm Tempo auf, wurde schneller und schneller. Während der Ball wie von Magie geführt vor Ronaldo herrollte, machte der ein paar Zentimeter darüber die für den Stürmer so typischen Schleifen mit den Füßen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Dann war er an seinem Gegenspieler Fahrenhorst vorbeigerauscht wie ein Intercity an einem stillgelegten Bahnhof. Der Schuss danach streifte knapp über Kahns Tor hinweg.

Bis auf diese herausragende Szene hatte sich Ronaldo meist dezent zurückgehalten. Er hatte den Freistoß zum 1:0 herausgeholt, hatte ein paar sehr schnelle Antritte, einige weitere Situationen vor dem deutschen Tor, aber das war’s. Meist sah man den 27-Jährigen maulig über den Platz schlendern. Immer zwar auf der Suche nach der nächsten Chance, aber auch irgendwie lustlos wirkend. In der zweiten Halbzeit waren die Brasilianer im Mittelfeld oft gezwungen, den Ball hin und her zu schieben, nur weil Ronaldo viel Zeit brauchte, aus dem Abseits zu kommen. Als Roberto Carlos einen Einwurf zu ihm werfen wollte, machte Ronaldo deutlich, dass er jetzt gerade lieber nicht am Spielgeschehen beteiligt werden wolle.

Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira formulierte nach dem Spiel herrlich diplomatisch, er sei sehr dankbar darüber, „dass man Deutschland beim Wiederaufbau einer Mannschaft helfen konnte“. Und er fügte als Gast artig an, dass Brasilien „gelernt hat, was 2006 auf uns zukommen kann“. Dass seine Mannschaft nur phasenweise ihren besten Fußball gezeigt hatte, musste Parreira nicht betonen. Was er aber ebenso verschwieg, war die Tatsache, dass Ronaldo und Adriano in der Sturmspitze nicht gerade perfekt harmonierten, vielleicht, weil sie auch zu ähnliche Typen sind.

Ein bisschen Zauberei aber hatte Brasilien schon zu bieten. Allein der Freistoß zum brasilianischen Führungstor, erzielt von dem ansonsten enttäuschenden Ronaldinho, war ein einziges Kunstwerk. Mit aufreizender Lässigkeit nahm der Mann vom FC Barcelona zwei Schritte Anlauf, streichelte den Ball dann liebevoll sanft über die verschlafene deutsche Mauer hinweg zur Führung, was die spanische Sportzeitung „AS“ zur Formulierung inspirierte: „Ronaldinho versteinerte Oliver Kahn.“ Der Torschütze gab sich gegen Mitternacht weniger maulfaul als Ronaldo und versicherte in jedes Mikrofon hinein, dass er stolz und glücklich sei, in dieser Mannschaft zu spielen, und dass dieses Team das Spiel ganz bestimmt noch viel besser beherrsche, als hier sichtbar geworden sei.

Ronaldo war wohl zu diesem Zeitpunkt in Gedanken schon auf dem Weg nach Madrid, wo er seine Verlobte Daniela Cicarelli nach eigenen Angaben so schnell wie möglich wieder in die Arme schließen wollte. Und da die Brasilianer vom Verliebtsein etwas verstehen, werden sie ihrem Ronaldo wegen seiner Leistung in Berlin bestimmt nicht böse sein.

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