Sport : Zunge zeigen

-

Benedikt Voigt über das AsterixRennen von 1988

Wir wissen nicht, ob man auf Jamaika Asterix liest, aber aus aktuellem Anlass würden wir es dem ehemaligen 100-Meter-Läufer Raymond Steward aus Jamaika empfehlen, einmal im Band Nummer XII zu blättern: Asterix bei den Olympischen Spielen. Dieser lässt sich wie folgt zusammenfassen. Bei den Olympischen Spielen trinken alle Athleten vom Zaubertrank der Gallier, nur Asterix verzichtet darauf - und wird im Rennen prompt Letzter. Weil aber der Zaubertrank die Zungen blau färbte, kommt der Betrug sofort raus, als alle Läufer ihre Zunge vorzeigen. Nur bei Asterix weist sie eine gewöhnliche Farbe auf, weshalb der kleine Gallier nachträglich zum Sieger erklärt wird. 1968 veröffentlichten Uderzo und René Goscinny diesen Comic erstmalig - 20 Jahre später wurde er Wirklichkeit.

Es war am fünften Tag der Olympischen Spiele von 1988, als Ben Johnson vor Carl Lewis vor Linford Christie nach 100 Metern über die Ziellinie lief. Weil man Betrügereien leider nicht an der Zunge erkennen konnte, dauerte es noch drei Tage, bis der Kanadier Ben Johnson wegen Dopings disqualifiziert wurde. Carl Lewis hieß seither der neue Sieger, doch vielleicht bis gestern. Nun hat nämlich der neunmalige Olympiasieger zugegeben, 1988 positiv getestet worden zu sein. „Ich bin auf drei verbotene Substanzen positiv getestet worden, aber das Olympische Komitee der USA hat mich freigesprochen“, erzählt der Sprinter. Schon möchte Ben Johnsons Manager die Goldmedaille zurück. Womöglich, weil sein Klient einfach besser gedopt hat. Aber man könnte auch konsequent handeln, und dem Drittplatzierten jenes Rennens die Goldmedaille zuerkennen. Linford Christie heißt dieser, und der britische Sprinter ist im Jahr 1988, so weit man das weiß, nicht positiv aufgefallen. Dafür elf Jahre später, weshalb die Idee mit der Goldmedaille für Linford Christie vielleicht auch nicht so gut ist. Und der damalige Fünfte, Denis Mitchell aus den USA, kam einige Jahre nach jenem denkwürdigen Rennen ebenfalls in Konflikt mit den Anti-Dopinggesetzen. 1998 war das, als ihn der Leichtathletikverband für zwei Jahre sperrte.

Und nun kommt Raymond Stewart aus Jamaika ins Rennen. Dieser landete damals im Skandallauf auf dem letzten Platz. Zehn Sekunden und elf Hundertstel benötigte er damals, was nicht schlecht ist. Mehr noch, es könnte die beste ungedopte Leistung jener Tage gewesen sein. Weshalb ihm vielleicht tatsächlich die olympische Goldmedaille gebührt. Vorher muss er aber noch seine Zunge zeigen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben