Sport : Zur Sirene auf einem Bein

In einem denkwürdigen Basketballspiel bezwingt Deutschland Serbien 82:81

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Die deutschen Basketball-Nationalspieler stürmten aufs Feld, schleuderten ihre Handtücher in die Luft, sprangen sich in die Arme, Steffen Hamann gab Jan Jagla einen Kuss auf die schweißglänzende Wange. Ihre Gegner aus Serbien standen wie erstarrt auf dem Parkett, keuchend vor Erschöpfung und Enttäuschung. Beide Teams hatten sich am zweiten Spieltag der WM in der Türkei zuvor einen Kampf geliefert, der sie selbst – und die Nerven der Zuschauer – maximal strapaziert hatte. Am Ende bezwangen die Deutschen den klar favorisierten Vizeeuropameister nach zweifacher Verlängerung mit 82:81 (73:73, 69:69, 37:35). „Mir kam es wie drei Verlängerungen vor“, sagte Aufbauspieler Heiko Schaffartzik, „es ging an die körperlichen Grenzen.“

Jagla, nicht nur wegen seiner 22 Punkte und neun Rebounds der Matchwinner, fasste es kürzer: „Den Sieg kann man getrost als Sensation bezeichnen.“ Zuvor hatte in der deutschen Gruppe A Angola Jordanien mit 79:65 (29:35) besiegt, am Abend gewann Argentinien 74:72 gegen die Australier, die heute (18 Uhr, live bei Sport1) Deutschlands dritter Gegner der Vorrunde sind.

Serbiens Trainer Dusan Ivkovic musste erneut auf seine gesperrten Stars Milos Teodosic und Nenad Krstic verzichten, die beiden verfolgten das Spiel von der Tribüne aus. Von Beginn an entwickelte sich ein enges Spiel – wie spannend es aber noch werden sollte, konnte niemand der rund 5000 Zuschauer in der Kadir-Has-Arena von Kayseri ahnen. Bis zur Halbzeitpause konnte sich keine der beiden Mannschaften auf mehr als fünf Punkte absetzen, Schaffartzik traf mit der Sirene seinen dritten Dreipunktewurf zum 37:35 für Deutschland. Im Gegensatz zum Spiel gegen Argentinien durfte Bundestrainer Dirk Bauermann nicht auf die überlegene Kondition seines Teams hoffen – das serbische Team ist mit einem Durchschnittsalter von 23,5 Jahren noch jünger als das deutsche (24,2).

Beide Teams spielten diszipliniert und verbissen – und steuerten so unvermeidlich auf ein dramatisches Finale zu. 22 Sekunden vor Ende der regulären Spielzeit lag Deutschland 69:66 in Führung, Demond Greene fing einen Pass der Serben ab, das Spiel schien entschieden. Doch ein Schiedsrichter hatte richtig erkannt, dass der Schuh des Deutschen die Seitenlinie touchiert hatte, der Ball ging zurück an Serbien, Aleksandar Rasic traf zum Ausgleich und damit zur Verlängerung.

Einem Tag nach dem 74:78 gegen Argentinien schien sich die nächste unglückliche Niederlage des deutschen Teams anzubahnen, das schon bei der EM im vergangenen Herbst gegen die Favoriten fast immer gut ausgesehen und fast immer verloren hatte. Diesmal taten Bauermanns Spieler wirklich alles, um sich den Sieg zu verdienen. Hamann erzielte vier Punkte in Folge, Jagla tippte gleich zweimal einen auf den Ring tanzenden Ball aus der Gefahrenzone. In der Schlusssekunde zog Hamann zum Korb, wurde gefoult – doch der Pfiff blieb aus, es gab die nächste Verlängerung.

Auch hier lagen die Deutschen schon mit sechs Punkten in Führung, doch die nicht minder aufopferungsvoll kämpfenden Serben kamen erneut heran. 60 Sekunden vor Schluss lief die Angriffszeit der Deutschen ab, als Jagla einen Verzweiflungswurf – hart bedrängt, weit vom Korb entfernt, auf einem Bein – auf die Reise schickte und die rund 40 deutschen Fans mit seinem Treffer zum 82:77 in Ekstase versetzte. „Je härter man arbeitet, desto mehr Glück hat man“, sagte Bauermann. „Den hatten wir uns verdient.“ Vorbei war das Spiel deshalb noch lange nicht, vier Punkte der Serben ließen die Deutschen noch einmal zittern. Erst als die Schlusssirene das denkwürdige Basketballspiel beendete, konnte sich ihre Spannung in Freudensprüngen und Jubelschreien entladen.

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