Sport : Zurück im geliebten Chaos

Das Berufungsurteil zeigt: Italiens Fußball ist nicht so leicht zu ordnen – und die Klubs prozessieren weiter

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Der süße Geschmack des Sieges ließ die Sieger noch mutiger werden. Gerade hatten die Vertreter der verwickelten Vereine das schmeichelhafte Urteil im italienischen Fußball-Manipulationsskandal vernommen, da kündigten sie schon weitere Siegeszüge an. Mit Ausnahme des AC Mailand ließen alle Vereine wissen, dass sie nun die Verwaltungsgerichte zur Findung der Gerechtigkeit bemühen wollen. Wie sehr sich die Verhältnisse wieder normalisiert haben, belegt eine Aussage des Fiorentina-Ehrenpräsidenten Diego Della Valle, der für den kommissarischen Leiter des Fußballverbands Guido Rossi nur Worte der Häme übrig hatte: „Jemand, der vom Altersstarrsinn gepackt wird, wollte zeigen, dass man in anderthalb Monaten die Welt des Fußballs in Ordnung bringen kann.“ Am Dienstag hat Rossi lernen müssen, dass der italienische Fußball nicht so leicht in Ordnung zu bringen ist.

Nachdem zunächst drakonische Strafen gegen die Vereine Juventus Turin, AC Florenz, Lazio Rom und AC Mailand verhängt worden waren, milderte ein Berufungsgericht in Rom unter Vorsitz von Richter Piero Sandulli am Dienstagabend die Sanktionen im „größten Fußballskandal der Geschichte“ (Fifa-Präsident Joseph Blatter) auf Bagatellniveau ab. Lediglich Juventus Turin muss in die Zweite Liga absteigen, der italienische Rekordmeister erhält aber nur 17 statt 30 Punkte Abzug für die kommende Saison. Außerdem werden dem Klub die beiden letzten Meistertitel aberkannt. Inter Mailand wurde gestern offiziell zum Meister 2006 ernannt. Die anderen drei angeklagten Klubs dürfen in der Serie A bleiben. Milan darf sogar an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen. Allerdings will sich die Dringlichkeitskommission der Uefa auf ihrer heutigen Sitzung mit dem Fall beschäftigen.

Guido Rossi hatte harte Strafen verlangt, ein Exempel, das eine notwendige Läuterung hätte bewirken sollen. Nur so hätte sich der von mafiösen Strukturen durchzogene Calcio von der tiefen Glaubwürdigkeitskrise erholen können. „Die, die den Fußball von außen betrachten, haben keinen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen“, sagte der Eigner von Inter Mailand, Massimo Moratti. Der düpierte Verbandschef Rossi denkt, so heißt es, bereits über einen Rücktritt nach. Das wäre nichts Neues. Die „Lega Calcio“, der Zusammenschluss der Erst- und Zweitligaklubs, steht ebenfalls führungslos da.

Das Gefühl für Ethik und Moral wird in Italien eben auch im Fußball nicht selten wirtschaftlichen oder politischen Interessen geopfert. Dies war auch in jener römischen Nacht der Fall, die dem Land des Weltmeisters vermutlich größeren Schaden zufügen wird als die Manipulationen selbst. Am Ende führten alte politische Seilschaften und wirtschaftliche Interessen der Klubs zur „kleinen Strafe“, wie die „Gazzetta dello Sport“ notierte. Zu groß wären die Verluste für die Klubs allein bei den Fernsehrechten gewesen. Sie wurden vor dem Urteil auf dreistellige Millionensummen beziffert. Die Erste Liga hätte ohne Juventus, Lazio und Florenz extrem an Attraktivität eingebüßt. „Die Show ist gerettet – das hässliche Nachspiel des großen Prozesses“, kommentierte abschätzig die Zeitung „La Repubblica“.

Als alleiniger Sündenbock steht nun der frühere Manager von Juventus Turin Luciano Moggi da. Für ihn bestätigte das Berufungsgericht das fünfjährige Berufsverbot. Der ehemalige Verbandspräsident Franco Carraro indes, dessen Manipulationen aufgedeckt wurden und der deswegen zurücktrat, kam mit einer Verwarnung und einer Geldstrafe von 80 000 Euro davon. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gehen trotzdem weiter. Anderen Erst- und Zweitligaklubs droht danach ebenfalls eine Anklage wegen einer Verstrickung in die Manipulationsaffäre. Doch egal, wie die Ermittlungen ausgehen, seit Dienstag ist klar: Zu befürchten haben sie nicht wirklich etwas.

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