Sport : Zurück im Match

Mit 26 könnte Nicolas Kiefer doch noch die deutschen Hoffnungen erfüllen

Stefan Hermanns

Alsdorf. Manchmal kommt auch im neuen Nicolas Kiefer noch der alte Nicolas Kiefer zum Vorschein. Nachdem ihn sein Gegner am Netz passiert hat, starrt Kiefer fast verzweifelt auf die Bespannung seines Tennisschlägers. Es sieht so aus, als suche er das Loch, durch das der Ball gerade geflogen ist. Kiefer war immer schon besonders gut darin, die Fehler bei anderen zu suchen: beim Platz, bei den Bällen, beim Schiedsrichter. Oder besser: Der alte Nicolas Kiefer war darin ziemlich gut.

Der neue Kiefer hat fünf Kilogramm abgenommen, aber das ist nur der äußere Ausdruck einer inneren Veränderung. „Ich bin disziplinierter geworden“, sagt er. Im Sommer wird er 27, „es geht erst jetzt los“, sagt Kiefer. „Jetzt kommt mein Tennisalter.“ Solche Sätze spricht er seit Jahren, doch anders als früher steckt inzwischen eine gewisse Substanz dahinter. Sogar Georg von Waldenfels, der Präsident des Deutschen Tennis Bundes (DTB), sagt, Kiefer sei jetzt nahezu der Alte: „Und er hat noch vier, fünf Jahre vor sich.“ Zurzeit ist Kiefer der erfolgreichste deutsche Tennisspieler. Er hat in diesem Jahr zwei Endspiele erreicht, und am Freitag brachte er das Daviscup-Team mit einem Dreisatzsieg gegen Israels Nummer eins, Harel Levy, 2:0 in Führung. Es war ein wichtiger Erfolg, denn so konnten Thomas Haas und Alexaner Waske gestern im Doppel das Daviscupspiel bereits mit 3:0 entscheiden.

Wie kein anderer Wettbewerb taugt der Daviscup dazu, die Massenkompatibilität eines Tennisspielers zu bestimmen, und aktuell besitzt kein anderer Deutscher ein größeres Potenzial, die Instinkte der Massen anzusprechen, als Kiefer. Als er den aufschlagenden Levy am Ende des dritten Satzes mit einer Vorhand passiert, ruft Kiefer noch in den Flug des Balles hinein: „Come on!“ Der Ball geht ins Feld, Kiefer hat Spielball, und die Zuschauer in der aufgeheizten Halle von Alsdorf toben. „Super Publikum hier“, wird Kiefer hinterher sagen.

Kiefer beherrscht all die spektakulären Schläge, die die Zuschauer sehen wollen. Von den deutschen Tennisspielern kommt er Boris Becker darin am nächsten, ohne ihm bisher wirklich nahe gekommen zu sein. Im fortgeschrittenen Tennisalter aber könnte der 26-Jährige vielleicht doch noch das exponierte Gesicht des deutschen Tennis werden, die Persönlichkeit, die für einen neuen Aufschwung notwendig wäre. Das wäre schön für das deutsche Tennis. Umso mehr müsste sich Kiefer ärgern, dass er seine enormen Fähigkeiten nicht eher genutzt hat.

Es ist noch nicht lange her, dass Kiefer mit konsequenter Selbstgefälligkeit die eigene Krise schöngeredet hat. Seine Gegner mussten gar nicht viel machen, um ihn in die Niederlage zu treiben. Das erledigte Kiefer ganz alleine. „Bei den wichtigen Punkten habe ich selbst ein bisschen Hektik und Stress gemacht“, sagt er. Doch es scheint, als nehme seine Karriere gerade noch rechtzeitig die Wende, damit Kiefer sagen kann: „Die letzten Jahre haben mich viel erfahrener gemacht, viel lockerer.“ Früher ist Nicolas Kiefer häufig mit Andre Agassi verglichen worden. Wie Agassi ist er in der Weltrangliste tief gestürzt, doch anders als der Amerikaner schien der Deutsche den Weg zurück in die Spitze nicht mehr zu finden. Inzwischen belegt Kiefer wieder Platz 34 in der Weltrangliste. „Für ihn freu’ ich mich besonders“, sagt Patrik Kühnen, der Kapitän des deutschen Daviscup-Teams.

Dass Kiefer wieder erfolgreich Tennis spielt, liegt auch an seinem neuen Trainer Thomas Hogstedt. Seit einem halben Jahr arbeitet er mit dem Schweden zusammen, der bereits seine beiden Landsleute Jonas Björkman und Magnus Norman in die Top Ten geführt hat. „Offensichtlich hat er jetzt den richtigen Trainer“, sagt DTB-Präsident von Waldenfels. Was noch wichtiger ist: Offensichtlich hört Nicolas Kiefer auch auf ihn.

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