Sport : Zurück in den Alltag

Holland leidet mit Khalid Boulahrouz

Locker und gelöst plauderten die Spieler in den orangefarbenen Trikots am Spielfeldrand mit ihren Frauen. Manche luden sich auch gleich noch ihre Kinder auf die Schultern. Was die hoch dotierten holländischen Fußballprofis da – bar aller Starallüren – nach dem Abpfiff ihrer Vorrundenspiele bei der EM anstellten, kam natürlich und sympathisch rüber. In den Köpfen der Zuschauer manifestierte sich das Bild: Hollands Nationalelf – das ist eine große, intakte, fröhliche Familie. Doch in die ausgelassene Stimmung hinein platzte ein Schock: Sabia Boulahrouz, Ehefrau des holländischen Abwehrspielers Khalid Boulahrouz, war am Mittwoch ins Krankenhaus gebracht worden. Es gebe Komplikationen im Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft, hieß es zunächst abwiegelnd. Dramatische Stunden folgten, ein Kampf um Leben und Tod. Der tragische Ausgang: Sabia Boulahrouz erlitt eine Frühgeburt, ihre Tochter starb in den Morgenstunden.

Betroffenheit allenthalben. Auch den sonst so fröhlichen Holländern wurde in diesem Moment bewusst, dass Fußball und selbst eine EM bei solchen Schicksalsschlägen zur Nebensache werden kann. Khalid Boulahrouz war in den dramatischen Stunden an der Seite seiner Frau im Krankenhaus in Lausanne. „Wir versuchen jetzt alle, so gut es geht, Khalid und seine Frau zu unterstützen“, sagt Bondscoach Marco van Basten. Dem Spieler wurde wie selbstverständlich die Erlaubnis erteilt, jederzeit das EM-Quartier der Holländer verlassen zu dürfen.

Inzwischen hat Boulahrouz gegenüber van Basten erklärt, er wolle jetzt nach vorne blicken. Am liebsten würde der frühere Profi des Hamburger SV (derzeit FC Sevilla), der eigentlich nur als Notnagel mitgenommen wurde zur EM, aber alle drei Vorrundenspiele bestritt, seinen Kummer durch Fußballspielen betäuben. Im Hinblick auf das Viertelfinale heute gegen Russland kündigt der 26-Jährige an: „Ich bin Fußballer, ich bin am Samstag einsatzbereit.“ Auch van Basten versucht, über Boulahrouzs Familientragödie hinweg die Rückkehr in den Alltag. „Irgendwann müssen wir uns wieder auf das Spiel konzentrieren, das sieht Khalid auch so“, sagt der Trainer.

Auch die Fans wollen Khalid Boulahrouz ihr Mitleid bezeugen. Sie kündigten in holländischen Zeitungen an, zu Anfang der Partie gegen Russland nur für ihn singen zu wollen, ein gefühlvolles „You’ll never walk alone“. Die holländischen Spieler werden Trauerflor tragen. Eine große Familie dokumentiert so ihre Zusammengehörigkeit. Tsp

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